Berlin : Seit’ an Seit’

Berlin ist vereint – aber sind Ost- und Westteil der Stadt auch zusammengewachsen? Ein Pro & Contra

Christian van Lessen

Ist Berlin wirklich zusammengewachsen? Im Statistischen Landesamt, das fast alle Lebensbereiche unter die Lupe nimmt, weiß Klaus Voy, der stellvertretende Direktor, auf Anhieb keine eindeutige Antwort. „Am besten zusammengewachsen ist Berlin – “, sagt er zögernd, „in der Arbeitslosigkeit“. Er spricht von Mentalitätsunterschieden, der Kluft zwischen „Realität und Befindlichkeit“.

Achim Neumann von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sagt prompt: „Wir sind definitiv zusammengewachsen, materiell und ökonomisch, ganz sicher!“ Er verweist aber auch auf tarifvertragliche Unterschiede. Im Ostteil wird mit 38 Stunden wöchentlich eine Stunde länger gearbeitet. Und beim Urlaubs- und beim Weihnachtsgeld zahlen Arbeitgeber zehn bzw. 15 Prozent weniger. Die Haushaltseinkommen halten nach Angaben der Statistiker aber mit, sind teilweise sogar höher als im Westen, weil im Ostteil mehr Frauen beschäftigt sind. Das zeigt sich auch an deren höheren Renten.

Gibt es wirklich ein Berlin? Am ersten Tag der Einheit stellte sich die Frage gar nicht. Da fühlten sich West- und Ost-Berliner als vereintes Stadtvolk, das sich nur näher kommen musste. Berlin wurde von Politikern zur Werkstatt der Einheit ausgerufen, zum Modell für das ganze Land. Es gibt aber bis heute ein weit verbreitetes Gefühl in der Stadt, es habe nicht so geklappt wie erhofft. Viele Berliner scheinen sich in ihren „Hälften“ einzuigeln. In Umfragen verblüfft immer wieder, wie wenig sie den jeweils anderen Stadtteil kennen. Aber ist in einer Stadt, deren Bewohner für ihre Kieztreue bekannt sind, fehlende Neugier auf fernere Bezirke ein Indiz gegen das Zusammenwachsen? Der Drang vieler Neu-Berliner in den Ostteil scheint immerhin ein Beleg dafür, wie attraktiv die alte Mitte geworden ist.

Der Westen hat Glanzlichter wie den Kurfürstendamm. Aber nebenan die ewige Baugrube für ein Hochhaus am Bahnhof Zoo: Sie wirkt auf West-Berliner wie ein Stop-Signal für die Zukunft des Bahnhofs, der vom Fernverkehr abgekoppelt werden soll. Die Wirtschaftsleistung ist größer als im Ostteil, der immer noch mehr Fördermittel erhält und mit dem Weggang von Samsung gerade einen weiteren Rückschlag erlebt. Verhältnismäßig mehr Berliner aus den östlichen Bezirken arbeiten im Westen als umgekehrt.

Einen „schmerzlichen Strukturwandel“ hat es nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer in ganz Berlin gegeben. Viele Ansiedlungen in allen Teilen der Stadt aber zeigten, „dass Berlin auch wirtschaftlich immer besser zusammenwächst“, sagt Präsident Eric Schweitzer.

Das Wahlverhalten dagegen nähert sich nur eingeschränkt an, der Osten wählt anders, linker. Beim Blick auf die Bundestagswahlergebnisse scheint dem Linkspartei-Chef Stefan Liebich die Stadt „noch zweigeteilt“. Er ist aber davon überzeugt, „dass sich in keiner Region Deutschlands Ost und West schon so nahe gekommen sind“.

Die Mieten sind sich auch nahe gekommen, der neueste Mietspiegel belegt es. Und wenn Horte in Grundschulen einziehen und für Kinder Mittagessen ausgeteilt wird, dann folgen die westlichen Bezirke dem Beispiel der östlichen.

Es gibt die erlebte Einheit. Aber es gibt eben auch das Gefühl, dass dieses Erlebnis noch immer täuscht. Das Statistische Landesamt hat mit der Bezirksreform 2001 die statistische Trennung der Stadt aufgegeben. In großen, bundesweiten Statistiken ist Berlin ohnehin längst vereint: Als Teil des Ostens.

Seiten 12 und 16

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