Berlin : Seitenweise Amerika

Deike Diening

Viele Jahre hatte Dave Solomon in seinem kleinen englischsprachigen Buchladen in der Charlottenburger Goethestraße hinter dem Tresen gesessen und einen Traum gehabt. Einen ziemlich amerikanischen Traum. Er handelte davon, wie ein Amerikaner mit einer großen Sehnsucht und ein paar günstigen Büchern nach Europa kommt, um sie hier nach Art der Amerikaner Gewinn bringend zu verkaufen. Jedenfalls so, dass er davon leben kann. Für die Charlottenburger aus der Gegend war "Books in Berlin" schon vor der Renovierung eine Institution gewesen. Sie mochten den rumpeligen Laden mit seinem netten Amerikaner darin. Manchmal kamen sie nur für Kaffee und kauften gar kein Buch - und dann vertrieb sich Dave die Zeit mit der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Jedoch: Unter Anglistik-Studenten und den Kaufkräftigen war der Laden - leider, leider - "nur als Loch in der Wand" bekannt, und nicht als gut organisierter Laden mit ungewöhnlicher Auswahl. Deshalb wurde jetzt renoviert und erweitert: großzügige Terrakottafliesen, rothölzerne Regale, die auch ein Bibliothekseinbau sein könnten, ein zweiter kleiner Raum wurde angeschlossen, so dass sich niemand mehr um die Regale winden muss, der Keller wird gerade noch ausgebaut, und Daves Vater, Marc Solomon, ist aus den Staaten angereist, um einen Vortrag zu halten.

Zunächst aber erzählt Marc Solomon die abenteuerliche Geschichte dieses kleinen Ladens. Sie begann, als er, der Literatur- und Geschichtsprofesor, 1988 zu einer Gastprofessur nach Hamburg kam und sich dort mit dem Amerikanisten Christopher Müller anfreundete. "Man müsste doch", so sponnen die beiden ihr Garn, "die amerikanischen Klassiker billig in den Staaten auftreiben können, um sie dann hier günstig zu verkaufen." Von Literatur hatten sie schließlich beide Ahnung. Aber da Solomon zu der Zeit noch lieber selber publizieren wollte als Bücher verkaufen, kam erst ein paar Jahre später sein Sohn Dave nach Berlin - und klappte seinen Holztisch vor der Humboldt-Uni auf. Hier fing er an, zwischen den anderen Bücherstandbesitzern, die in Mützen und Schals zur Arbeit antraten, und die ihre Reserviertheit erst überwanden, als Dave ihnen Bier mitbrachte.

Währenddessen liefen die Eltern verzweifelt "und irgendwie blind" an der Ostküste Amerikas auf und ab - derjenigen Küste, die ja ohnehin schon nach Europa zeigt - um billige Bücher zu finden. Viel Zeit verbrachten sie in Boston, rastlos auf Book Fairs, in Läden wie "A-Book-A-Buck" - pro Buch ein Dollar. Denn Marc Solomon, hatte zwar einige Ahnung davon, was in den Büchern zu finden ist - "Christopher hatte sich auf Faulkner spezialisiert, den mochte ich ja auch so gerne" - aber er hatte keine Ahnung, wie man die Bücher günstig bezieht und vertreibt. Die raren Fundstücke verschifften sie dann nach Berlin, für Davids Büchertisch. "Es artete in Arbeit aus."

Aber Amerikaner träumen hartnäckiger. Es scheint ihnen nichts auszumachen, mit ihren Erfahrungen immer wieder bei Null zu beginnen. Auch bei Null Grad Celsius, wenn es sein muss. Die besten Karrieren beginnen drüben ja bekanntlich enthusiastisch, scheinbar naiv - und in einer Garage. Als die Eltern ihren Sohn an einem kalten Novembertag 1994 besuchten, wussten sie, so konnte es nicht weitergehen. Dave hatte ein Buch für sechs Mark verkauft, und drei Mal heißen Tee getrunken für je zwei Mark. "Es war so kalt, dass die Leute ihre Hände nicht aus den Taschen bekamen, um das Portemonnaie hervorzuholen," erzählt sein Vater. "Einfach aufgeben konnten wir aber auch nicht, denn Dave war in der Zwischenzeit Berliner geworden." Er zuckt mit den Schultern. Also mieteten sie den kleinen, rumpeligen Laden in der Goethestraße, übernahmen ihn von zwei schrulligen Frauen, deren einer Haare "sehr rot waren." Dave bezog Stellung hinter dem Tresen, und jetzt, nachdem er mehrere Jahre dort Kaffee gekocht hatte, für Kunden und solche, die versprachen, Kunden zu werden, jetzt, nach der Renovierung und Erweiterung, ist doch noch ein sehr professioneller Buchladen daraus geworden.

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