Serie: 20 Jahre Einheit : Kleinmachnow - Ein Nest im Grünen

Harry Hartig, ehemals NVA, und Christian-Peter Prinz zu Waldeck, ehemals Bundeswehr, sind begeisterte Kleinmachnower. Nach der Wende krachte es dort heftig zwischen Eingesessenen und Altbesitzern aus dem Westen. Das hat sich gegeben

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Christian-Peter Prinz zu Waldeck (li.) und Harry Hartig vor dem Kommandantenturm der alten Grenzübergangsstelle Drewitz.
Christian-Peter Prinz zu Waldeck (li.) und Harry Hartig vor dem Kommandantenturm der alten Grenzübergangsstelle Drewitz.Foto: Thilo Rückeis

Von hier oben, aus den Fenstern des alten Kommandantenturms, konnte man die Säule mit dem Staatswappen der DDR früher wohl sehen. Seither hat sich der Damm einer Brücke davorgeschoben, Verbindung zwischen Kleinmachnow und dem Gelände der ehemaligen Grenzübergangsstelle Drewitz, und ohnehin wäre nur noch ein betonumrundetes Loch auszumachen: keine DDR, kein Staatswappen. Auch sonst stößt der umherschweifende Blick auf fast nichts, was noch an die Teilung erinnerte. Firmen wie Ebay, Porsche, McDonald’s haben sich im Europarc Dreilinden angesiedelt, unvorstellbar, dass sich hier einst die Westautos dicht an dicht durchquälten.

„Vom Turm konnte man die ausfahrbaren Sperren auslösen.“ Dessen Geschichte kennt Harry Hartig, zweiter Vorsitzender des Vereins Checkpoint Bravo, genau. Manche Besucher halten ihn, den Ex-Offizier der Grenztruppen, sogar für den ehemaligen Kommandanten des Grenzübergangs, was nicht stimmt: „Hier hatte ich nichts zu sagen.“ Und noch so ein Missverständnis sei es, im Turm nur ein Museum zu sehen. Der Verein betreibe hier die „Erinnerungs- und Begegnungsstätte Grenzkontrollpunkt Drewitz-Dreilinden“, besonders aufs zweite Ziel legt Hartig wert.

An diesem Herbsttag, während unentwegt der Verkehr vorüberbraust, begegnen sich altes und neues Kleinmachnow. Auf der einen Seite Harry Hartig, 82, in der an Zehlendorf grenzenden Gemeinde seit 55 Jahren wohnhaft, auf der anderen Christian-Peter Prinz zu Waldeck, 64, hergezogen vor elf Jahren. Beide ehemalige Berufsoffiziere, jeweils als Oberstleutnant verabschiedet. Und doch kann man sich ihre Lebenswege unterschiedlicher kaum vorstellen. Hartig hatte das Kriegsende bei der Marine erlebt, wollte nie wieder eine Waffe anfassen, trat 1946 der SED bei, die sich, wie er sagt, klar gegen jeden weiteren Krieg ausgesprochen habe. 1948 wurde er Volkspolizist, bald schon an der Grenze. Im Jahr des Mauerbaus gliederte man die Grenzpolizei der NVA an. Hartig, erst in Ost-Berlin und Teltow stationiert, wechselte 1970 als stellvertretender Direktor ins Militärarchiv Potsdam, blieb bis April 1990. Prinz zu Waldeck dagegen diente bei der Panzertruppe der Bundeswehr, angesichts des sowjetischen Einmarschs in Prag 1968 hatte er sich entschieden, Berufssoldat zu werden. Am 2. Oktober 1990 wurde er nach Eggesin abkommandiert, um ein NVA-Regiment umzugliedern, arbeitete im Verteidigungsministerium, erst in Bonn, zuletzt in Berlin, dazwischen als Militärattaché in Süd-Korea. 2003 schied er aus.

Besonders für Hartig war das Wendejahr auch persönlich ein Einschnitt: Entlassung. „Die ersten Tage fühlte ich mich wie mit einem Brett vor dem Kopf.“ Es ging dann doch weiter und gar nicht schlecht: Die ersten Wahlen zur Gemeindevertretung standen an, Hartig wurde von der PDS aufgestellt und gewählt, blieb bis 2007 in der Kommunalpolitik. Anfangs war das mühsam. Plötzlich war er stellvertretender Vorsitzender des Finanzausschusses, „aber ich hatte überhaupt keine Ahnung von Finanzen“, was erst ein Fachschullehrgang änderte. Den Kollegen ging es nicht besser, kopfschüttelnd standen sie bei der Grundsteinlegung des Seniorenwohnstifts Augustinum vor der Riesengrube: „Oh Gott, was haben wir denn da genehmigt!“

Aber das größte Problem sei „die Beseitigung des Frusts hier in Kleinmachnow“ gewesen, die massiveVerbitterung, ausgelöst durch die zahlreichen Restitutionsansprüche der Hausbesitzer aus dem Westen, die nach der Wende ihr Eigentum zurückforderten in oft fragwürdigem Stil. Auch Hartig hatte sich in der Initiative „Bürger gegen Vertreibung“ engagiert, war dabei, als der damalige Bundesbauminister Klaus Töpfer sich in den Kleinmachnower Kammerspielen dem Volkszorn stellte. Von Töpfer sei der Tipp gekommen, wie das Problem zu lösen sei: Verkauf von Gemeindeland an Alteingesessene zu besonderen Bedingungen – der Anfang der Siedlung „Stolper Weg“. Es gab einen eigenen Ausschuss, Hartig leitete ihn, und trotz der „schweren Karambolagen“, die er erlebte, Vorwürfe von Bürgern, die den Umschwung, die Bedeutung von Grundeigentum nicht verstanden hätten, zieht er eine positive Bilanz: „Mit der Siedlung ist Ruhe eingekehrt.“ Auch persönlich ist er zufrieden. Von der Altbesitzerin seines Wohnhauses vor die Alternative „kaufen oder ausziehen“ gestellt, hatte auch er am Stolper Weg gebaut , „mitten im Grünen“ – nicht alle konnten sich diese Lösung leisten. Eins aber ärgert ihn: wenn mal wieder das gehässige Wort „Vertriebenensiedlung“ fällt. „Wir fühlen uns nicht wie Vertriebene.“

Als Christian-Peter Prinz zu Waldeck 1999 in Kleinmachnow ein Haus baute, hatte sich die Aufregung um die vermeintliche „Vertreibung“ schon gelegt. Ressentiments gegenüber dem Wessi? Nein, das hat er nie erlebt, im Gegenteil. So wurden er und seine Frau im Kleinmachnower Tennisverein, bei dem er vorsprach, gleich „super aufgenommen“ und „unglaublich fair“ behandelt: „Ich behaupte mal: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Umgekehrt sah er sich anfangs mit der Frage konfrontiert, wie man mit den Ossis denn zusammenleben könne. „Da habe ich immer massiv dagegengehalten.“

Einige Betonköpfe, bei Alteingesessenen wie Zuzüglern, gebe es noch immer, repräsentativ seien sie nicht, sind sich die beiden einig. „Das Trennende verschwindet immer mehr“, sagt Harry Hartig, und Prinz zu Waldeck, der sich als „glühenden Anhänger der Wiedervereinigung“ sieht, stimmt ihm zu. Auch mit der Wohnqualität Kleinmachnows sind beide hochzufrieden, und wenn der eine die „tolle Kameradschaft“ am Stolper Weg lobt, schwärmt der andere vom „friedlichen Miteinander“ im Ort. Was nicht ausschließt, dass unterschiedliche Biografien auch unterschiedliche Urteile über Vergangenheit und Gegenwart provozieren: Der DDR spricht Hartig, ehemaliger NVA-Offizier, noch immer Friedenswillen zu. Da muss einer, der wegen des Einmarschs in Prag 1968 Berufssoldat bei der Bundeswehr wurde, strikt widersprechen. Und schon sind die beiden bei den Militäreinsätzen in Ex-Jugoslawien und Afghanistan, ihrer Legitimität, ihrem Sinn. Meinung steht gegen Meinung. Das ist eben Demokratie.

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