Serie: 775 Jahre Berlin : Königin der Herzen

Preußen besaß die Lady Di des 19. Jahrhunderts: Luise. Schön, mutig, elegant, natürlich – eine Traumfrau, die viel zu früh starb. Liebesheirat mit Friedrich Wilhelm III., Bilderbuchehe, zehn Kinder. Und das vorbildliche Paar führte auch noch guten Sitten ein.

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Sie trotzte Napoleon. Königin Luise.
Sie trotzte Napoleon. Königin Luise.Foto: picture alliance / dpa

Hier ist man ihr ganz nah. Darf sie sogar berühren, den kalten Rocksaum jedenfalls. Königin Luise liegt, weiß wie Schnee, den Kopf nach rechts geneigt, die Beine übereinander geschlagen, im ewigen Schlaf auf ihrem sauber polierten Marmorbett. Das Diadem über der lockeren Frisur hat einen Hauch Heiligenschein. Nebenan, auf der Grabplatte, steht ihr Wahlspruch: „Wie der Herr es gewollt, also ist es geschehen.“

Wollte der Herr wirklich, und wenn ja, warum, dass eine mit Schönheit gesegnete Monarchin, Mutter von zehn Nachkömmlingen, mit 34 Jahren stirbt? Ihre geliebten preußischen Landeskinder für immer verlässt, noch dazu in einer für das Sein oder Nichtsein des Staates dramatischen Stunde? Tragik und Begeisterung umgaben diese Frau, noch immer folgen ihr Bewunderung und historische Geschichten vieler Art. Ihr Leben endete durch eine Lungenentzündung am 19. Juli 1810 in Hohenzieritz, sie starb in den Armen ihres Mannes, des Königs Friedrich Wilhelm III. Aber Luises Glanz strahlt weit in das 19. Jahrhundert hinein, ja, darüber hinaus, wie die mannigfachen Ehrungen zu ihrem 200. Todestag anno 2010 bewiesen.

Auch heute, an einem goldenen Herbsttag, als die Strahlen der tiefer stehenden Sonne den Weg zu Luises Mausoleum im Park von Schloss Charlottenburg erleuchten, betreten Besucher gedankenvoll die Treppen zwischen den vier dorischen Säulen. Im Innern führt ein Weg nach unten vor eine schwere Eisentür, die jeden Weg in jene Gruft versperrt, in der die sterblichen Überreste von Luise und ihrer Familie in Särgen ruhen. Hier ist jeder Zutritt verboten, sagt ein Wärter, kassiert zwei Euro und schickt einen zur Treppe, die nach oben führt, ins Mausoleum.

Dort darf man der schönen Königin ins Gesicht schauen. Luises lebensgroße Sarkophargskulptur von Christian Daniel Rauch ist nicht allein. Neben ihr liegt ihr Mann, der König, „gestorben im 43. Jahr seiner glorreichen Regierung“, geschmückt mit Schinkels Eisernem Kreuz. Friedrich Wilhelm III. und Luise liebten sich wie ein ideales Ehepaar, geradezu tugendhaft und vorbildlich für die preußischen Untertanen. Ein Jahr nach Luises Tod, im Juli 1811, bekennt der König: „Meine Trauer und mein Kummer füllen noch eben so Herz und Gemüth als in jenen unglückseeligsten aller unglücklichen Tage meines Lebens. Aller Frohsinn ist von mir gewichen, und mögte wohl nie wiederkehren, denn sie kehrt nimmer wieder.“ Friedrich Wilhelm trauert um seine selbstlos liebende Gattin: „Mein Glück, meine Zufriedenheit zu befördern, dahin ging ihr Bestreben.“

Der 23. Dezember hatte im Leben und im Tod der Luise Auguste Wilhelmine Amalie von Mecklenburg-Strelitz eine besondere Bedeutung. Am 23. Dezember 1810 war der Sarg vom Dom in das rasch errichtete Mausoleum überführt worden. 17 Jahre zuvor, am 23. Dezember 1793, kam die damals 17-Jährige als Braut nach Berlin, tags darauf wurde Hochzeit gefeiert. Und 16 Jahre später, 1809, wieder kurz vor Weihnachten, war Luise mit ihrem Hofstaat aus dem Exil zurückgekehrt. Die Bürger Preußens nahmen lebhaft Anteil am Schicksal ihrer jungen Königin. Luise war beliebt, unzählige Anekdoten begleiteten ihr kurzes Leben, und zwei der drei Reisen zwischen Advent und Weihnachten waren für das Volk von Berlin ein Grund, jubelnd auf die Straßen zu eilen.

Die erste Reise war Luises Fahrt ins Glück. Sie sollte Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen heiraten, der später einmal berichtete, wie er im März 1793 um sie geworben hatte: „Nach vielem Stottern und unzusammenhängenden Phrasen faßte ich endlich Mut und trug ohne viel Umstände mein Anliegen vor. Wir standen am Fenster, meine Frau mit dem Rücken an die Fensterwand gelehnt. Mit jungfräulicher Bescheidenheit, aber herzlichem Ausdruck willigte sie ein. Ich fragte, ob ich dürfte, und ein Kuß besiegelte diesen feierlichen Augenblick.“

Es sollte eine Doppelhochzeit werden: Prinz Friedrich Wilhelm hatte sich für die 17-jährige Luise entschieden, sein Bruder Louis für deren zwei Jahre jüngere Schwester Friederike – Johann Gottfried Schadows Doppelstandbild zeigt die Grazien in trauter Zweisamkeit. Und Johann Wolfgang von Goethe, der die beiden beim Besuch eines Feldlagers traf, erinnert sich später: „Und wirklich konnte man bei diesem Kriegsgetümmel die beiden jungen Damen für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals verlöschen wird.“

Die junge Luise wird zwar als trotzig, schnippisch und eigensinnig bezeichnet, „aber sie hat Verstand“, schreibt ein hoher Militär. Die Hochzeit der Kronprinzessin ist der Anfang eines Mythos, mit dem Luise als Preußens Königin der Herzen ins Buch der Geschichte eingehen wird. Sie ist schön, mutig, elegant, spontan und natürlich.

Luises Einzug in Berlin glich einem Triumphzug. Die Schwestern fuhren in einem goldenen Galawagen. In Schöneberg, dem Berlin am nächsten gelegenen Dorf, formierte sich ein Festzug mit sechs königlichen Postsekretären und 46 blasenden Postillionen. Ein Spalier jubelnder Menschen säumte den weiteren Weg, Unter den Linden war eine Ehrenpforte errichtet worden, 80 weiß gekleidete Kinder entboten den Kronprinzessinnen ihren Gruß. Ein kleines Mädchen trug ein Willkommensgedicht vor, und Luise war so gerührt, dass sie das Mädchen umarmte, in die Höhe hob und küsste – sehr zum Mißfallen der betagteren Damen vom Protokoll. Die Oberhofmeisterin Sophie Marie Gräfin von Voss, Luises Salondame, die über ihre 69 Jahre bei Hofe Tagebuch geführt hatte, mokierte sich: „Das ist ja gegen jede Etikette!“ Luise darauf: „Wie? Darf ich das denn nun nicht mehr tun?“ Die künftige Königin setzte sich durch. Das Paar duzte sich; bis dahin war das unüblich bei Preußens, wie es Bildhauer Schadow beschrieb: „Zur Zeit Friedrich Wilhelms II. herrschte die größte Liederlichkeit, alles besoff sich in Champagner, fraß die größten Leckereien, fröhnte allen Lüsten. Ganz Potsdam war ein Bordell, alle Familien dort suchten nur mit dem Hof zu tun zu haben, Frauen und Töchter bot man um die Wette an ...“ Luise und ihr Mann änderten das, die beschwingte Königin wurde mit ihrer natürlichen Bescheidenheit zum Vorbild des aufstrebenden Bürgertums, das den gepuderten Perücken bei Hofe Ade gesagt hatte. Wie den Reifröcken, die Luise durch lässig hautnah fallende Kleider ersetzte.

Nach Luises Bittgang am 6. Juli 1807 zum siegreichen Napoleon in Tilsit wird von ihr das Bild einer mutigen Frau gezeichnet, die mit Charme dem Korsen entgegentritt. Preußen verliert, doch der Krieg ist vorerst beendet. Am 23. Dezember 1809 empfangen die Berliner ihre Königsfamilie mit Jubel. Ein Jahr später wird Luise im Sarg aus dem Dom ins Charlottenburger Mausoleum gebracht. „Der König weinte ganz herzzerreißend, mir war zu Muthe, als reiße man meine Seele aus meinem Leibe“, schreibt die Gräfin von Voss zur letzten Ruhe des „heimgegangenen Engels“. „Stirb früh – lebe ewig.“ Die Lichtgestalt einer neuen Generation wurde so oft wie kaum eine andere beschrieben und gemalt: die deutsche Lady Di des 19. Jahrhunderts.

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