SERIE BERLINER Chronik : 24. Juli 1961 Jahre Mauerbau

Im Notaufnahmelager Marienfelde wird ein Spitzel der Stasi festgenommen. Und es kommen immer mehr Flüchtlinge, die schneller ausgeflogen werden sollen

Geteilte Stadt. Stacheldraht an der Grenze zwischen Hermsdorf, Westberlin zu Glienicke, DDR. Foto: Ullstein
Geteilte Stadt. Stacheldraht an der Grenze zwischen Hermsdorf, Westberlin zu Glienicke, DDR. Foto: UllsteinFoto: ullstein bild - Lohse

Die West-Berliner Polizei nimmt im Notaufnahmelager Marienfelde einen Mann fest, der als Spitzel für den Staatssicherheitsdienst der DDR gearbeitet und sich erst fünf Tage zuvor als Flüchtling gemeldet hat. Dieser habe sich 1956 zur Mitarbeit beim SSD verpflichtet – die Abkürzung Stasi ist zu der Zeit noch nicht üblich. Der Mann habe etwa 20 Berichte über Arbeitskollegen und die Betriebsverhältnisse bei der Reichsbahn in Stendal geschrieben. Er sei im Auftrag des SSD sogar in die Bundesrepublik gefahren, um dort Kontakte mit politischen Flüchtlingen aufzunehmen.

In der Ost-Presse ist nicht mehr von Republikflucht, sondern von der „Abwerbung“ durch „westliche Agenten“ die Rede.

Wegen „Abwerbung“ von zwei jungen Ost-Berlinern steht ein 27-jähriger West-Berliner in Ost-Berlin vor Gericht. Er soll den beiden Arbeitern am 15. Juli in einem Lokal im Bezirk Lichtenberg vorgeschlagen haben, in West-Berlin zu arbeiten. Der Prozess endet mit der Verurteilung des West-Berliners zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis.

Der Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Hans-Joachim von Merkatz, besucht das überfüllte Notaufnahmelager Marienfelde in Begleitung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Merkatz verspricht dem Berliner Senat eine deutliche Entlastung bei der Aufnahme der Flüchtlinge. Die Auffangmöglichkeiten in den Bundesländern und die Aufnahmebereitschaft der westdeutschen Städte und Gemeinden müssten erhöht werden. Das Notaufnahmeverfahren werde vereinfacht und beschleunigt, so dass künftig die meisten Flüchtlinge möglichst schon nach fünf bis sechs Tagen von Berlin nach Westdeutschland ausgeflogen werden können. Notfalls müssten die westalliierten Fluggesellschaften auch Chartermaschinen einsetzen.

Bisher dauert es bis zum Abflug etwa zwölf Tage. Nach dem Verteilerschlüssel der Bundesländer ist bislang vorgesehen, dass acht Prozent der Flüchtlinge in West-Berlin bleiben.

In der West-Berliner Presse ist nun täglich die Zahl der Flüchtlinge aus Ost-Berlin und der DDR zu lesen, die sich jeweils am Vortag bis 16 Uhr in Marienfelde gemeldet haben. Durchschnittlich sind es 1000 pro Tag, mal etwas mehr, mal weniger. Gru

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben