Die Schwarzfahrer-Versicherung

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Sharing Economy in Berlin : Die geteilte Stadt
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7. Wie weit darf man gehen? „Busse, S- und U-Bahnen sollte jeder kostenlos nutzen können. Solange das nicht so ist, fahren wir ohne Ticket und teilen uns die Kosten für die Strafe.“ So lautet das Gründungsstatement einer links-anarchischen Berliner Gruppe. Die etwa 50 Mitglieder organisieren gerade eine Art Schwarzfahrer-Versicherung. Jedes Mitglied zahlt zehn Euro pro Monat, mit diesem Geld werden ihm, bei zwei Treffen im Monat, die bezahlten Strafen erstattet. Jeder so Versicherte trägt die 40 Euro, die bei Kontrollen fällig werden, stets bar bei sich, damit die Personalien nicht aufgenommen werden müssen.

Es ist nicht die erste Berliner Schwarzfahrer-Versicherung. Alle früheren Initiativen wurden allerdings irgendwann von der Polizei unterbunden, mit dem Argument, es handele sich um eine kriminelle Vereinigung. In Deutschland ist es eine Straftat, öffentliche Verkehrsmittel ohne Fahrausweis zu nutzen. Deshalb will auch niemand öffentlich über das aktuelle Projekt reden.

In Schweden existiert seit 13 Jahren ganz offiziell eine Versicherung fürs Schwarzfahren, sie heißt P-Kassan, Freie-Fahrt-Versicherung, 500 Menschen nutzen sie. Das geht, weil Fahren ohne Ticket dort nur eine Ordnungswidrigkeit ist. Auch in Schweden ging die Initiative übrigens von einer anarchistischen Gewerkschaft aus.

In Berlin kann man sich immerhin ganz legal Tickets teilen. Wer eine Umweltkarte besitzt, kann montags bis freitags nach 20 Uhr einen Erwachsenen und drei Kinder mitnehmen, am Wochenende und an Feiertagen ganztägig. Mit der Initiative Ticketteilen bewirbt der Verein „Naturfreunde Berlin“ diese Möglichkeit. Mitglieder haben bisher 15 000 Buttons verteilt, mit dem Schriftzug „Ticketteilen“ drauf und einem Strichmännchen, das von einer Hand in die Bahn gezogen wird. Menschen mit Umweltkarte sollen die Buttons tragen und so potenzielle Mitfahrer auf sich aufmerksam machen. Demnächst sollen sich Umweltkartenbesitzer und Mitfahrer auch auf der Webseite ticketteilen.org verabreden können.

8. Der Zeitfaktor. Gute Ideen brauchen manchmal, bis sie sich durchsetzen. So ist das auch bei der Sharing Economy, sagt Arnold. Er ist ein Veteran der Berliner Szene, hat schon vor zehn Jahren mitgeholfen, den Umsonstladen in der Brunnenstraße am Laufen zu halten. Das Projekt habe damals so manchen irritiert, ja befremdet. Ein Drittel der vorbeigebrachten Klamotten war unbrauchbar war oder zu dreckig und wurde entsorgt. Das habe sich stark gewandelt, der Nachhaltigkeitsgedanke habe die Mitte der Gesellschaft erreicht. Allerdings hänge der Erfolg der Sharing Economy auch damit zusammen, dass die Notwendigkeit zum Teilen gewachsen sei – weil die Ärmeren zugleich immer ärmer würden. Noch zehn Jahre weiter, und Teilen wird hoffentlich das Normalste der Welt sein, sagt Arnold. Das Notwendigste sei es schon jetzt.

9. Aus Leihen kann Kaufen werden. „Unser zweijähriger Sohn saß an Weihnachten zwischen seinen neuen Spielsachen und rührte nichts an“, sagt Desirée Hensellek, „auch in den Tagen danach spielte er nicht richtig damit.“ Sie glaubt, er war von den vielen Sachen völlig überfordert. Sie sortierte einiges aus und bat ihre Verwandten, künftig keine Spielsachen mehr zu schenken, sondern lieber „praktische Dinge, die er brauchen kann“. Klamotten, Bücher. Mit der „Sharing Economy“ hatte sie sich bisher nicht viel beschäftigt, ein paar genutzte Mitfahrgelegenheiten, mehr nicht. Im Sommer erfuhr Hensellek dann von „Meine Spielzeugkiste“, als sie im Fernsehen die Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“ sah. Der Gründer warb dort um Geldgeber für sein Unternehmen, das Familien Spielzeug auf Zeit anbietet. Hensellek dachte: „Das ist genau das, was ich brauche.“ Vor zwei Monaten bestellte sie die erste Spielzeugkiste, eine Eisenbahn mit Schienen, eine kleine Kasse zum Kaufmannspielen, ein Spielzeug für die Badewanne. Ihr Sohn habe sich auf die Sachen gestürzt, bis heute habe er die Lust nicht verloren. Wenn er an einem Spielzeug hängen sollte, würde sie es ihm kaufen, sagt sie. Das geht nämlich bei „Meine Spielzeugkiste“. Am liebsten wäre ihr aber, sie könnte alle drei Sachen zurückzuschicken, sobald das Interesse des Sohnes nachlässt. Sonst wäre ja nicht viel gewonnen nach dem Weihnachtsfiasko von damals.

10. Firma oder Philosophie. Lange bevor Marko Dörre die Seite „fairleihen.de“ gründete, hat er sich mit Freunden Dinge geteilt. Eine Bohrmaschine zum Beispiel hat er nie besessen, wenn er eine brauchte, borgte er sie sich. Wenn einer seiner Freunde einen Heimkinoabend organisierte, verlieh Dörre seinen Beamer. Vor zwei Jahren fragte er sich: „Wieso soll ich nur Freunden Dinge leihen? Wieso nicht auch meinen Nachbarn?“ Kurz davor hatte er einen Vortrag der Teilen-Pionierin Rachel Botsman gehört. Die sprach aus, was Dörre schon lange dachte und lebte. Er konzipierte die Plattform fairleihen.de. „Viele segeln heute unter der Flagge der Sharing Economy“, sagt er. „Aber es gibt sehr unterschiedliche Ansätze, mit sehr unterschiedlichen Zielen.“ Dörre unterscheidet zwischen dem profitorientierten Silicon-Valley-Ansatz und dem lokalen konsumkritischen Ansatz. „Manche Firmen wollen mit dem Sharing-Gedanken Geld verdienen, andere, wie ich, wollen das Konsumverhalten ändern.“ Dörre versucht schon lange, seinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, möglichst wenig Müll zu produzieren. Mit fairleihen.de will er sein Lebenskonzept verbreiten. „Ich will nicht die Moralkeule schwingen, von meiner Philosophie ist auf der Seite nichts zu lesen“, sagt er. „Ich möchte einfach, dass möglichst viele Menschen das Angebot nutzen.“ Zurzeit bieten etwa tausend Menschen 1281 Dinge an. Wer mitmachen will, muss drei Dinge zum Verleihen anbieten, bevor er selbst ausleihen kann. So soll garantiert werden, dass, wer ausleiht, sorgsam mit den Gegenständen umgeht.

Marko Dörre ist eigentlich Anwalt, fairleihen.de organisiert er komplett in seiner Freizeit. Er hat eine gemeinnützige GmbH gegründet, die Seite finanziert sich über Spenden, vor allem über Sachspenden. Die Programmierer haben die Seite günstig entwickelt, auch die Grafiker haben nicht den üblichen Preis berechnet. Den Großteil der Kosten trägt Dörre zurzeit noch selbst. Werbung soll es trotzdem in keinem Fall geben. „Ich will die Leute ja nicht zum Konsum aufrufen.“

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