Berlin : Sieben Leben

Ein Schüler und ein Streikleiter, ein Gewerkschaftler und ein Genosse – sie gehörten zu den Verhafteten. Die Gedenkstätte Hohenschönhausen hat ihre Biografien gesammelt. Wir stellen sie exklusiv vor.

Verendet. Hier wurde ein Mensch vom Panzer überrollt.
Verendet. Hier wurde ein Mensch vom Panzer überrollt.Foto: picture alliance / dpa

Plötzlich waren alle Gefängnisse überfüllt. In die geheime Haftanstalt in Hohenschönhausen, das größte Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit, wurden in der zweiten Junihälfte 349 Menschen eingeliefert. Durchschnittlich kamen 25 Neuzugänge pro Tag – in der ersten Monatshälfte war es nur ein Verhafteter pro Tag. Das Personal war auf einen solchen Ansturm nicht vorbereitet, die Zellen und der Keller waren überfüllt, es herrschten chaotische Zustände. Der Tagesspiegel stellt die Biografien von sieben Inhaftierten und ihr Leben danach vor – stellvertretend für alle anderen.

MAX FETTLING

geboren am 24.02.1907 in Berlin

Verstorben am 01.02.1974

Beruf: Betriebsvorsitzender der Gewerkschaft FDGB

Strafe: 10 Jahre Zuchthaus

Max Fettling war Gewerkschaftschef auf der Baustelle am Krankenhaus Friedrichshain. In dieser Funktion unterschrieb er am 15. Juni 1953 einen Brief der Bauarbeiter an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, in dem die Zurücknahme der zehnprozentigen Normerhöhung gefordert wurde. Als Bauarbeiter die Resolution am nächsten Tag zum Regierungssitz in Mitte bringen wollten, bildete sich ein spontaner Protestmarsch. Er endete mit einem Aufruf zum Generalstreik und löste den DDR-weiten Aufstand aus. Obwohl Fettling weder gestreikt noch demonstriert, sondern mäßigend auf die Arbeiter eingewirkt hatte, wurde er in der folgenden Nacht verhaftet und in den Knast in Hohenschönhausen gebracht. Das Ministerium für Staatssicherheit erklärte ihn zum Hauptorganisator des Aufstandes. 1954 wurde er deshalb zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Sommer 1957 flüchtete er mit seiner Ehefrau nach West-Berlin, wo er als Pförtner in einer West-Berliner Behörde arbeitete.

GERHARD MÜLLER

geboren am 19.10.1927 in Berlin

Beruf: selbstständiger Fuhrunternehmer

Strafe: 10 Jahre Zuchthaus

Gerhard Müller, ein Charlottenburger, war aktiver Widerständler, er hatte Verbindungen zur „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“. Die damaligen Ermittler beschuldigten ihn, mit seinem Lastwagen am 17. Juni auf dem Alexanderplatz ein Auto vorsätzlich beschädigt zu haben. Das Fahrzeug, das später in Brand gesetzt wurde, gehörte dem Leiter der Abteilung 8 des Ministeriums für Staatssicherheit. Am 18. Juni wurde Müller verhaftet. Er kam in die Haftanstalt in Pankow und von dort aus nach Hohenschönhausen. Zusammen mit anderen vorwiegend Jugendlichen wie Horst Hertel verurteilte man Müller zu zehn Jahren Zuchthaus in einem Schauprozess im August 1953. Erst Ende 1960 wurde er entlassen.

GÜNTER FORTANGE

geboren am 31.12.1936 in Berlin

Beruf: Kraftfahrer

Das Verfahren wurde eingestellt

Günter Fortange schmiedete Pläne, um aus der DDR zu fliehen. Der Schüler der sechsten Klasse demolierte in den turbulenten Juni-Tagen einen BMW, man warf ihm vor, sich „an der öffentlichen Zusammenrottung einer Menschenmenge beteiligt und mit vereinten Kräften gegen Sachen Gewalttätigkeit begangen“ zu haben. Er kam ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Das Verfahren wurde eingestellt, nach zwei Wochen wurde er entlassen. In einem geschlossenen Jugend-Werkhof arbeitete er als Schmiedelehrling. 1957 war er wegen Hausfriedensbruches drei Monate in Haft. Nach seiner Entlassung arbeitete er als Kraftfahrer. Im Januar 1964 wurde er erneut verhaftet und kam wieder in das Hohenschönhausener Gefängnis. Zusammen mit einem Freund hatte er Fluchtpläne geschmiedet, die jemand verriet. Er wurde zu neun Monaten verurteilt und im November 1964 entlassen. Erst 1976 durfte er in den Westen ausreisen.

HERBERT BULEY

geboren am 01.10.1926 in Berlin

Verstorben am 23.12.2011

Beruf: Maschinenarbeiter

Strafe: 4 Jahre Zuchthaus

Hubert Buley arbeitete als Maschinenarbeiter im Kabelwerk Köpenick und übernahm dort beim Streik die Leitung. Zwei Tage später wurde er verhaftet, nach einigen Wochen freigelassen, dann wieder verhaftet. Man warf ihm vor, als Anführer „den Amerikanern zum Dritten Weltkrieg verhelfen zu wollen“. Im März 1954 wurde er in die Untersuchungshaftanstalt nach Rummelsburg verlegt. Zusammen mit 15 Mitangeklagten war ein großer öffentlicher Prozess geplant. Strafvorgabe der Staatssicherheit waren acht Jahre. Die Anklageschrift lag seit November 1953 vor. Die geheime Verhandlung fand erst im Juni 1954 mit drei Angeklagten statt, deren Höchststrafe vier Jahre betrug. Buley saß in Rummelsburg hinter Gittern, als er im Juni 1956 vorzeitig entlassen wurde. Er entschloss sich, zusammen mit seiner Familie in den Westen zu gehen. In West-Berlin war er wenig später Mitbegründer des „Arbeitskreises 17. Juni“. Er war bis zur Rente im kaufmännischen Bereich tätig.

HORST HERTEL

geboren am 08.06.1936 in Berlin

Beruf: Lehrling

Strafe: 8 Jahre Zuchthaus

Horst Hertel war als Jugendlicher beteiligt. Nach seiner Verhaftung am 18. Juni 1953 wurde er zusammen mit anderen Jugendlichen in einem Schauprozess verurteilt. Man bezichtigte ihn, ein Rädelsführer des Aufstandes zu sein. Erst im Juli 1959 wurde er aus der Haft entlassen und konnte die DDR noch vor dem Mauerbau 1961 verlassen. Seit 1998 besucht Horst Hertel an jedem 17. Juni die Gedenkstätte und nimmt an den Berliner Gedenkfeiern teil.

ROBERT DAHLEM

geboren am 11.02.1922 in Köln

Beruf: Elektroschweißer

Es wurde kein Verfahren eröffnet

Robert Dahlem wurde 1922 in Köln geboren, lernte zwischen 1935 bis 1945 an einer Mittelschule in Moskau und arbeitete nach seiner Rückkehr nach Deutschland in mehreren Betrieben. Der Sohn des damals gerade in Ungnade gefallenen SED-Spitzenfunktionärs Franz Dahlem, eines Ulbricht-Rivalen, beteiligte sich an den Streiks vom 18. Juni 1953 der Warnow-Werft in Warnemünde. Hier war Dahlem seit März 1952 als Elektroschweißer tätig. Das SED-Mitglied gehörte der Gewerkschaftsleitung an kämpfte gegen die schlechten Arbeitsbedingungen auf der Werft. Am 19. Juni 1953 wurde er dort von der Volkspolizei als einer der Rädelsführer der Aufstände der Schiffswerftarbeiter festgenommen und nach Berlin gebracht. Ihm wurde zur Last gelegt, dass er sich den Streikenden angeschlossen und die Ausarbeitung der politischen Forderungen initiiert habe. Bei Gesprächen mit Arbeitern sagte er offen, dass die Schaffung einer Arbeiter- und Bauernregierung der einzige Ausweg aus der Situation der DDR sei. Nach seiner Festnahme und Inhaftierung in Berlin-Karlshorst und Hohenschönhausen setzte sich sein Vater für seine Freilassung ein. Dieser wandte sich mit einem Brief unter anderem an die Parteiführer Ulbricht und Grotewohl. Am 15. Juli 1953 wurde Dahlem entlassen.

HERMANN REICHERT

geboren am 17.05.1892 in Hermsdorf

Verstorben: Datum unbekannt

Beruf: Schlosser

Strafe: 1 Jahr, 6 Monate

Hermann Reichert arbeitete als Schlosser im Volkseigenen Betrieb Bergmann-Borsig in Pankow. Während des Aufstandes äußerte er sich bei einer Betriebsversammlung kritisch gegen die Partei und die Politik der DDR-Regierung. Weiterhin forderte er in seiner Rede freie, gleiche, geheime und direkte Wahlen und die Freilassung aller politischen Gefangenen. Daraufhin ging der größte Teil der Belegschaft auf die Straße und demonstrierte, obwohl Reichert am Schluss seiner Rede darauf hinwies, weiterzuarbeiten. Die Demonstration verlief friedlich. Und Reichert führte den Zug schließlich doch an, und zwar von der Schönhauser Allee bis zum Nordbahnhof. Er verhinderte Ausschreitungen und löste die Demonstration nach Bekanntwerden des Ausnahmezustandes auf. Am 19. Juni 1953 wurde Reichert verhaftet, die Anklage lautete: „faschistische Propaganda“ und „Verbreitung tendenziöser Gerüchte“. Er musste ins Gefängnis.

Recherche: Henry Wenzel, Peter Erler.

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