Berlin : Sigrid Paul (Geb. 1934)

Die Mauer. Und die Klopfzeichen, mit denen sie Kontakt aufnahm

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Der Häftling „93-2“ musste in der Ecke sitzen, auf einem kleinen Hocker, kerzengrade, die Hände hatten während des gesamten Verhörs ruhig unter den Oberschenkeln zu liegen. „93-2“, das war Sigrid Paul, Zelle 93, Pritsche 2. Ihr gegenüber, hinter dem Schreibtisch, der Verhörer, mal freundlich, mal barsch, zuweilen aufbrausend, selten begütigend.

Beim ersten Verhör wechselten sich die Inquisiteure ab – Vernehmungsdauer: 22 Stunden. Die Versuchung war groß, sich einfach preiszugeben. Die Rettung: Sie zog sich in ihr Innerstes zurück, umgab sich mit der unsichtbaren Mauer. Das half zu überleben. Die Mauer, und die Klopfzeichen, mit denen sie Kontakt zu anderen Gefangenen aufnahm. Und die zwei Gedichte, notiert auf einem Papierfetzen, den sie ihr aus der Zelle entwendeten. Bei „Wiederholung von Abfassung derartiger Verse“ wurde ihr Einzelhaft angedroht. In ihrer Stasi-Akte fand sie den Zettel wieder.

Was Sigrid Paul und ihrem Mann zur Last gelegt wurde? Sie wollten zu ihrem Kind.

Sigrid Paul wuchs in Dommitzsch an der Elbe auf. Ihr Vater war Ingenieur, leitete eine Tonwarenfabrik. Ein redlicher Mann, wie die Belegschaft bezeugte, nachdem er im Mai 1945 von sowjetischen Soldaten abgeholt worden war. Kein Abschied, keine Umarmung. Er starb wenige Monate später in einem Lager des sowjetischen Geheimdienstes, dem „Hungerlager“ Tost in Oberschlesien. Mit 3000 weiteren Toten wurde er in einer Kiesgrube verscharrt.

Ihre Geschwister zogen in den Westen, Sigrid Paul blieb. Sie verliebte sich in Hartmut Rührdanz, Bootskonstrukteur und leidenschaftlicher Segler. „Einmal um die ganze Welt …“, das war ihr gemeinsamer Traum.

Torsten wurde geboren. Er war ein Wunschkind, aber er kam krank zur Welt. Bei seiner Geburt war es zu Komplikationen gekommen, weil der diensthabende Arzt eben mal Baumaterial für sein Eigenheim organisieren musste: „Privat geht vor Katastrophe“.

Am 28. August 1961, dem 16. Tag seit dem Beginn des Mauerbaus, fuhr Sigrid Paul am frühen Morgen ins Krankenhaus. Ihr Sohn, sieben Monate alt, lag dort und rang mit dem Tod. Als sie die Kinderstation betrat, zuckte sie zusammen, zitterte am ganzen Körper. Das Bett war leer.

Eine Krankenschwester beruhigte sie, dem Sohn gehe es soweit gut, er sei nach West-Berlin gebracht worden, nur dort könnten sie ihn dank spezieller Medikamente und einer besonderen Schonkost retten.

Es wird zwei Monate dauern, bis sie ihn wiedersieht. „Von diesem Tag an zog sich die Mauer mitten durch mein Herz.“

Ihr gelang es, beim stellvertretenden DDR-Gesundheitsminister Professor Friedeberger vorstellig zu werden, sein Kommentar: „Ja wissen Sie, wenn er so krank ist, wäre es doch für alle Beteiligten besser, Ihr Torsten stirbt.“

Fortan nahm die Bittstellerei bei den Behörden kein Ende. „Genehmigung der Antragstellung auf einen Passierschein nach Berlin-West“. Zunächst jede Woche, dann nur alle vier Wochen. Nie durfte der Mann mitkommen.

Die beiden entschlossen sich mit drei Studenten zur „Republikflucht“ mittels falscher Pässe – und gaben das Vorhaben wieder auf. Einen zweiten Versuch, Flucht durch den „Tunnel 29“, mussten sie nach einem Wassereinbruch abbrechen. Beim erneuten Fluchtversuch der Studenten boten sie nur Quartier – und wurden verraten.

Nach fünf Monaten Untersuchungshaft wurde das Ehepaar „wegen Verleitung zur Republikflucht“ zu je vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Derweil lag ihr Sohn Torsten noch immer im Klinikum Westend. Der Vernehmer machte ihr das Angebot, ihren Sohn besuchen zu dürfen – wenn sie sich in West-Berlin mit einem Fluchthelfer treffen würde, Spaziergang im einsamen Park, „alles andere machen wir“. Sie lehnte ab.

Nach achtzehn Monaten wurde das Ehepaar freigekauft. Sie selbst hätte die DDR verlassen können, aber nicht ihr Mann – der „Ausschließungsgrund“: Er galt dank seines Konstrukteurstalents als unabkömmlich, seine Jollen brachten Devisen.

Nach drei Jahren und zehn Monaten konnten die beiden Torsten nach Hause holen. Der Junge siezte die Eltern anfangs. Immerhin, seine Ernährung war gesichert – Bananen und Kalbfleisch gab es fortan auf Rezept. Zwei Geschwister wurden geboren, Torsten begann sich heimisch zu fühlen, aber nicht Sigrid Paul, da war noch immer diese Mauer um die Seele. Die Ehe zerbrach.

Mit Beginn ihres Ruhestandes begann Sigrid Paul Besucher durch das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen zu führen. Sie empfand keine Rachegefühle, keinen Hass. Unbeschreiblich große Wut ja, auf all jene, die behaupten, es sei doch alles „gar nicht so schlimm“ gewesen.

Wer waren diese Menschen, die andere am Boden sehen wollten? Nicht nur bestraft, sondern seelisch zerstört, ausgelöscht als Individuen. Sie stellte in einer öffentlichen Lesung Siegfried Rataizik, den ehemaligen Leiter des Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen, zur Rede – keine Antwort. Sie suchte nach ihrem Verhörer, Herr Berndt, „jung, ehrgeizig und höhnisch“, er war zu keinem Gespräch bereit. Alle jene, die im Dienste der Staatsmacht so selbstherrlich aufgetreten waren, entpuppten sich als Duckmäuser.

Wer das Titelbild von Sigrid Paul auf ihrer schmalen Autobiografie betrachtet, wie sie voll Liebe ihren erwachsenen Sohn Torsten umarmt, der weiß, sie haben sie nicht gebrochen, aber eine unaussprechliche Traurigkeit in ihr Herz gesenkt. Gregor Eisenhauer

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