Berlin : Sinasi Dikmen: Nach Berlin umziehen? Bloß nicht!

Suzan Gülfirat

Als Sinasi Dikmen vor fünf Jahren in Ulm den Entschluss fasste, ein eigenes Theater zu gründen, überlegte er, in welcher Stadt er dies tun sollte. "Von Berlin hatte ich immer eine positive Meinung", sagt er. Trotzdem hat er sein Gastspieltheater für Kabarett und Kleinkunst "Die Käs" im März 1997 in Frankfurt am Main eröffnet. Seitdem kommt er einmal im Jahr für zwei Wochen als Gast nach Berlin und schwärmt davon, "wie toll diese Stadt ist." Bis Sonnabend ist er im Mehringhoftheater in Kreuzberg mit seinem Ein-Mann-Stück "Mach kein Theater, Türke!" zu sehen.

Die Ausländerbeauftragte des Senats, Barbara John, hat ihn einmal gefragt, warum er nicht nach Berlin übersiedelt. In der Tat würde sein kleines Restaurant-Theater mit 90 Sitzplätzen dieser Stadt gut stehen. "Die Käs" steht für "Kabarettistische Änderungsschneiderei". Auf der Bühne des gelernten Krankenpflegers stehen Kabarettisten wie Django Asül, Rolf Miller und die Italienerin Francesca Marten. Selbst Ignatz Bubis war zu Lebzeiten sein Gast. Aber: "Berlin ist schwierig für Künstler", sagt er. Zu groß ist die Angst des 46-jährigen Künstlers, in der größten deutschen Stadt beim Konkurrenzkampf der Bühnen mit seinem politischen Kabarett nicht mithalten zu können. "Ich könnte hier finanziell nicht überleben."

Ohne Türkisch geht es nicht

Ausgerechnet vor der Stadt mit der größten türkischen Gemeinde außerhalb der Türkei hat Sinasi Dikmen Angst. "Glauben Sie nicht, dass ich einen Saal nur mit türkischen Zuschauern voll bekomme", sagt er und erinnert sich an seine früheren Gastauftritte im türkischen "Tiyatrom" in der Alten Jakobstraße: Die Vorstellungen seien alle sehr schlecht besucht gewesen.

In der Tat gehen die Berliner Türken in das von der Stadt finanziell unterstützte "Tiyatrom", um Aufführungen auf Türkisch zu sehen. Wer deutschsprachige Stücke sehen möchte, geht eben in ein deutsches Theater. Und Sinasi Dikmen ist ein deutschsprachiger Kabarettist. "Türkische Intellektuelle wollten gleich nach der Eröffnung mein Haus zum türkischen Kulturinstut machen", erzählt er. Als er sich gegen die Vereinnahmung gewehrt habe, sei er bei den Türken in Frankfurt in Ungnade gefallen. Doch von einer solchen Institution könne er nicht leben. Sogar bei seinen Auftritten in der Türkei spricht er auf der Bühne nur Deutsch. "Die Türken sind nicht gerade eine Kulturnation. Für anspruchsvolle Kunst haben die wenigsten etwas übrig", behauptet er. Außerdem sei er außerhalb Frankfurts nicht so bekannt, dass die Leute nur seinetwegen ins Theater gingen. "Die Leute schauen, was in ihrem Lieblingstheater läuft und entscheiden dann, ob sie zu mir kommen", vermutet er.

Das war nicht immer so. Als er mit seinem ehemaligen Mitstreiter Muhsin Omurca als Kabarett-Duo "Knobi Bonbon" durch Deutschland tourte, war allein der Name des Duos ein Garant für volle Häuser. 1986 in Ulm begonnen, trennten sich die beiden zehn Jahre später vollkommen zerstritten und versuchten separat Solokarrieren aufzubauen. Vom Ruhm des erfolgreichen Kabaretts blieb beiden nicht viel übrig.

Sinasi Dikmen entschied sich, in Frankfurt ein Kleinkunsttheater zu eröffnen, obwohl er Berlin sehr mochte. Diese Stadt mit den vielen Bühnen war ihm einfach zu groß. "In der Frankfurter Kleinkunstszene habe ich es geschafft, mich etabliert", sagt Dikmen heute. Er wolle sein Theater sogar vergrößern. Doch dann bleibe wahrscheinlich nicht einmal Zeit für seine Gastauftritte in Berlin.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar