So kann’s gehen : Und der Rest für die Götter

Immer wieder sonntagsfragen SieElisabeth Binder.

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Ein Verwandter hat die auf mich merkwürdig wirkende Angewohnheit, stets in Gläsern und Tassen einen kleinen Rest zurückzulassen. Um diese Angewohnheit zu zelebrieren, kann es vorkommen, dass er sich extra noch etwas auf den Teller tut. Ich halte das für eine Unart. Wenn er besonders religiös wäre, würde ich annehmen, dass es sich um eine „Göttergabe“ handelt.

In Deutschland gilt es als gutes Benehmen, den Teller ratzfatz leer zu essen. Wenn er richtig blank ist, hat der Gast seine Schuldigkeit getan, und der Gastgeber kann sich zurücklehnen in dem guten Gefühl, dass es geschmeckt hat. Es gibt aber Kulturen, in denen der gähnend leere Teller als Zeichen dafür verstanden wird, dass der Gast noch hungrig ist, also dringend Nachschlag braucht. Erst wenn er einen Rest zurücklässt und so signalisiert, dass er einfach nicht mehr weiteressen kann, wird das als Signal dafür genommen, dass alle jetzt satt sind. Vielleicht hat ihr Verwandter das im Urlaub oder auf Geschäftsreisen mal so erlebt und will nun seine Weltläufigkeit zur Schau stellen, indem er diese Sitte privat weiterführt.

Als Gabe für welche Götter auch immer käme mir ein kleiner Essensrest auf dem Teller irgendwie schäbig und auch sinnlos vor. Welche Götter sollten daran Freude haben? Bevor Sie an Ihrem Unmut ersticken, finden Sie doch die Beweggründe Ihres Verwandten heraus. Fragen Sie doch so neutral, wie es Ihnen möglich ist, warum er immer etwas auf dem Teller zurücklässt. Führt er fremde Sitten an, dann können Sie in Ihrem Haus geltende Gebräuche erwähnen, nach denen Essen möglichst nicht weggeworfen wird, jedenfalls nicht mutwillig. Auch das sollte nicht anklagend erfolgen. Aber der Verwandte sollte schon wissen, dass Sie seine Macke nicht als besonders feines Benehmen bewundern.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an:

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