Berlin : Socke auf Reisen

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Von Christian van Lessen

Die graue Socke des Vaters füllt fast die blaue Adria aus, sein kleiner Sohn rutscht mit dem Po über die Nordsee. Schön glatt ist das Meer. Schon hat er Schottland gestreift und liegt im Atlantik, fast vor der Küste Kanadas. Die weißen Strümpfe der Mutter streifen über die Rocky Mountains, die größere Tochter klettert barfuß über die violetten Anden, um kurz danach über Miami zu knien. „Spring rüber“, ruft ein Mädchen, das auf Südafrika steht, und die Freundin versucht von Indien aus den großen Sprung, und zwischendrin warnt jemand lachend vor nassen Füßen. Eine Großmutter fordert ihren Enkel auf, die malayische Halbinsel zu suchen, was dieser erst nach einigen Irrwegen durchs Mittelmeer schafft. In Singapur soll er stehen bleiben: „Dort haben wir im letzten Jahr Urlaub gemacht“, ruft die Oma vom Rand der Erde. Ein anderer Junge, der eben noch ratlos in den grünen Weiten Russlands hockte und nach Wasser suchte, rutscht auf allen Vieren etwas nach links und ruft begeistert, dass er Berlin entdeckt hat: den Ort mit dem kleinen Foto von der Love Parade, das Zehntausende Leute rund um die Siegessäule zeigt.

Gut 20 mal 10 Schritte groß ist die Welt, die als bunte Karte und Teil der Fotoausstellung „Die Erde von oben“ in den Arkaden am Potsdamer Platz zu Boden liegt. Sie wird mit Füßen getreten, aber heiß geliebt. Und von den vielen Besuchern mehr beachtet, als die Architektengruppen, die während des Weltkongresses herumschlendern, und auch irgendwann hier anhalten müssen, weil das alle tun. Die Welt zu Füßen verbreitet Ehrfurcht, auch Hartgesottene scheinen plötzlich sensibler, vor allem neugierig. Besucher von überall her deuten auf Heimatländer, laufen suchend und zeigend die Kontinente ab und entdecken, wie klein doch alles ist und wie alles zusammenhängt. Der kleine Hinweis auf der Karte, aus Respekt vor der Erde die Schuhe auszuziehen, wird nicht immer befolgt. Das liegt meist daran, dass die Bitte nur in Deutsch abgefasst ist. Der Potsdamer Platz im Kleinen aber ist inzwischen so wie die Erde im Großen: International.

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