• Solidaritätsparty für Deniz Yücel in Berlin: Freunde, Kollegen und Prominente fordern Freilassung

Solidaritätsparty für Deniz Yücel in Berlin : Freunde, Kollegen und Prominente fordern Freilassung

Deniz Yücel sitzt in Istanbul in Untersuchungshaft - seit über zwei Wochen. Im Festsaal Kreuzberg lasen Prominente seine Texte - und feierten bis zum Morgengrauen.

von
Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Pegah Ferydoni liest im Festsaal Kreuzberg. Foto: Gregor Fischer/dpa
Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Pegah Ferydoni liest im Festsaal Kreuzberg.Foto: Gregor Fischer/dpa

"Republik Türkei. 9. Strafabteilung des Amtsgerichtes Istanbul. Vernehmungsprotokoll. Vernehmungsnummer: 2017/118. Richter Mustafa Cakar, Dienstnummer 104708. Gerichtsschreiber: Ömer Saglik, Dienstnummer 169502. Der zu vernehmende wird der Propaganda für eine Terrororganisation und der öffentlichen Aufhetzung des Volkes zu Hass und Feindschaft verdächtigt."

Es herrscht Stille im Festsaal Kreuzberg, als Doris Akrap von der „taz“ und Daniel-Dylan Böhmer von der „Welt“ am Mittwoch aus einem bisher unveröffentlichten Protokoll lesen, in dem Deniz Yücel seinem Strafrichter Strafrichter in Istanbul antwortet. Hinter ihnen: Ein projiziertes Foto des inhaftierten Journalisten. "Wir wollen das Meer sehen“, steht darauf geschrieben. Meer, die deutsche Übersetzung des Namens Deniz. Vor ihnen: Rund 800 Menschen, die sich für die "Beste Deniz wo gibt"-Solidaritätsparty versammelt haben. In diesem Moment, sagt keiner von ihnen ein Wort.

Seit mehr als zwei Wochen sitzt der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel in Untersuchungshaft. Terrorverdacht. Den Einspruch gegen den Haftbefehl hat ein türkisches Gericht am Mittwoch abgelehnt. Die Berichterstattung Yücels könne "nicht als Journalismus oder im Rahmen der Pressefreiheit interpretiert werden", so die Begründung. Fünf Jahre kann es dauern, bis es zur Freilassung oder zum Prozess kommt.

Lesestunde mit Michel Friedman und Jan Böhmermann

Zeit, die man in Deutschland nicht tatenlos verstreichen lassen will. Zeit, in der sich viele Menschen, darunter viele Journalisten, nicht nur im Netz mit dem Hashtag #FreeDeniz, für Yücel einsetzen. Bei der Lesung mit anschließender Party in Berlin-Kreuzberg fordern am Mittwoch Freunde, Kollegen und prominente Unterstützer seine Freilassung. Für 800 Menschen, die draußen warten, ist kein Platz mehr. Der Publizist Michel Friedman, der Autor Shahak Shapira, die Journalistin Özlem Topcu und die Schauspielerin Pegah Ferydoni lesen Texte von Deniz Yücel vor, per Videoeinspielung schließen sich der Schauspieler Robert Stadlober und der TV-Satiriker Jan Böhmermann an. Veranstaltet wird der Abend von allen Verlagen, die bisher mit Yücel zusammengearbeitet haben, von WeltN24, Edition Nautilus und Jungle World bis zur taz und dem Verbrecher Verlag.

Die vorgetragenen Texte nehmen die Zuhörer mit auf eine Pegida-Demonstration, zu den Protesten im Istanbuler Gezi-Park und nach Kreuzberg. Melancholisch, witzig, oft kritisch, manchmal provozierend. Yücel zeigt auf pointierte Art und Weise, was falsch läuft in der Welt. Was falsch läuft, auch in der Türkei. Gleichzeitig spürt man in seinen Texten die Liebe, die er für dieses Land zu empfinden scheint. Ein Land, das, wie er schreibt, komplett irre ist.

Viele Besucher lauschen im Festsaal der Lesung. Foto: Gregor Fischer/ dpa
Viele Besucher lauschen im Festsaal der Lesung.Foto: Gregor Fischer/ dpa

"Was ich als Journalist schreibe, kann im Nachhinein als richtig oder falsch angesehen werden. Dies ist ein Berufsrisiko von Journalisten. (…) In meiner Aussage bei der Staatsanwaltschaft habe ich nicht gesagt, dass ich mein Land mit all seinen Fehlern liebe, sondern trotz seiner Fehler und Mängel liebe.(…) Bei der Ausführung meiner Tätigkeit nehme ich von niemandem, nicht von einem Staat oder einem Chef, Befehle an. (...) In Tageszeitungen muss man über das Tagesgeschäft schreiben, und manchmal liegt man richtig und manchmal lieg man falsch."

In den Augen der türkischen Justiz lag Yücel zu oft falsch. Türkische und kurdische Bürger habe er gegeneinander aufgehetzt und Propaganda für die PKK betrieben. Die Texte Yücels, sie sind die Indizien, die gegen ihn verwendet werden: „Ja, es gab interne Hinrichtungen“ (Die Welt, 23.08.2015),„Wir werden Erdogan nie vergessen, was er uns angetan hat“ (Die Welt, 19.06.2016), weiterer Artikel vom 19.06.2016, "Die Türkei hat in Mossul ihre ganz eigene Agenda" (Die Welt, 26.10.2016), „Der Wert des Versprechens eines Betrügers (17.02.2017).

"Mein Ziel war es nie, Propaganda zu machen"

Betrachtet man die Natur der vorgeworfenen Straftaten, die vorliegende Beweislage und das Vorhandensein von konkreten Beweisen, die das Vorhandenseins eines starken Straftatbestands ergeben, sowie die gesetzlich vorgesehene Höchststrafe für die vorgeworfenen Straftaten so wird deutlich, dass es nicht ausreichend wäre, an diesem Punkt die Regelungen für überwachte Auflagen anzuwenden, sondern gemäß Artikel 100 und folgende der Strafprozessordnung die Inhaftierung des Verdächtigen zu beschließen ist.

"Mein Ziel war es nie, Propaganda zu machen. Als ich in Deutschland war kritisierte ich dort die deutsche Regierung. Die Aufgabe von Journalisten ist es, diejenigen zu kritisieren, die gerade an der Macht sind, egal wer..."

Zeichen vom Festsaal ins Kanzleramt

"Es geschieht Unrecht und es ist unsere Aufgabe, das anzusprechen", sagt der Publizist Michel Friedmann an diesem Abend. "Es ist ein wichtiges Zeichen, das wir hier setzen. Es ist nicht das erste und es wird nicht das letzte sein." "Wir müssen ein Zeichen vom Festsaal Kreuzberg ins Kanzleramt schicken", sagt Özcan Mutlu, Bundestagsabgeordneter der Grünen. "Unter diesen Bedingungen wird der härteste Hund auf sein Menschsein zurückgeworfen", sagt Jan Böhmermann via Videoübertragung.

Der letzte Text, der an diesem Abend verlesen wird, ist ein Brief des Inhaftierten. Darin schreibt Yücel, dass es ihm psychisch und physisch gut gehe. „Weder meine eigene Situation, noch die dieses Landes, das ich trotz allem liebe, werden so bleiben wie sie sind.“

Dann wird getanzt. Und gefeiert. Zu türkischen Beats bis in den Morgengrauen. Wer will, kann ein Solidaritäts-Shirt mit Deniz' Konterfei kaufen. Postkarten liegen aus, auf die Gedanken und Forderungen geschrieben werden können. Sie sind adressiert an die türkische Haftanstalt.

Der gesamte Abend wird aufgezeichnet. Damit Deniz ihn eines Tages sehen kann, wenn er wieder frei ist, heißt es. Die Hoffnung bleibt, dass bis dahin nicht zu viel Zeit vergeht.

 

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar