Berlin : Soll das Schulessen für Bedürftige kostenlos sein?

Ulrich Zawatka-Gerlach

Es kann doch nicht wahr sein, dass in der Hauptstadt eines reichen Landes wie Deutschland viele Schulkinder kein warmes Mittagessen bekommen! Und möglicherweise den Schulkameraden noch beim Essen zusehen müssen. 40 Euro pro Monat für eine tägliche vollwertige Mahlzeit ist Berliner Eltern, die wenig Geld verdienen oder von der Arbeitslosenhilfe leben, offenbar zu viel. Es ist müßig zu fragen, ob sie sich ihr knappes Einkommen nur schlecht einteilen und ihnen das Wohl der Kinder gleichgültig ist oder ob sie es wirklich nicht schaffen, den monatlichen Obolus für das Schulessen abzuzweigen. Den Jungen und Mädchen aber helfen solche Betrachtungen nur wenig. Was also soll man tun: die Kinder von der Ganztagsschule ausschließen, wenn ihre Eltern das Essensgeld verweigern? Das hieße, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Oder jetzt die Eltern unter Druck setzen? Das wird erfahrungsgemäß nur in wenigen Fällen erfolgreich sein. Es hilft wohl nur das alte, klassische Sozialstaatsprinzip: Je nach Einkommenslage gibt die öffentliche Hand etwas dazu. Die Grenze für die staatliche Förderung könnte beim Einkommen von Arbeitslosengeld-II-Empfängern gezogen werden. Das wäre ein einfacher, aber wirksamer Chancenausgleich zugunsten der knurrenden Mägen von Kindern. Denn darum geht es; nicht um die moralische Erziehung der Eltern.

Es ist tieftraurig und beschämend, wenn die Hälfte der Kinder in Ganztagsschulen mittags aus Kostengründen nichts Warmes isst. Viele bekommen nicht mal eine Stulle mit, kaufen sich unterwegs ein paar Schokoriegel. Aber ein richtiges Essen, das Kinder dringend brauchen, um bis 16 Uhr durchzuhalten – Fehlanzeige! Was kümmert’s die Eltern? Wem sein Kind am Tag nicht einmal zwei Euro (!!!) für ein Mittagessen wert ist, verdient einen dicken Tadel im Armutszeugnis. Es sind ja nicht nur viele Empfänger von Arbeitslosengeld II, die das Geld nicht zahlen wollen und der öffentlichen Hand ein schlechtes Gewissen einzureden versuchen. So arm ist in dieser kälter werdenden Gesellschaft noch immer keine Familie, dass sie dieses Geld nicht aufbringen könnte. Auch in sozialen Problemgebieten machen Haushalte unglaublich viel Geld für Autos und Elektronik locker, und so manches Kindergeld, nicht eben wenig, wird am Kind vorbei ausgegeben. Das ist traurig, darf aber nicht dazu führen, dass das Land Berlin, das sonst überall kürzt und ohnehin fast pleite ist, nun mit vielen Millionen das Schulessen alimentiert. Wer sich skandinavische Verhältnisse wünscht, darf nicht vergessen, dass die soziale Großzügigkeit dort mit einer immensen Steuerlast bezahlt wird. Hier in Berlin haben wir es mit „Verhaltensarmut“ zu tun, mit einer Verrohung in den Familien. Da hilft kein öffentlicher Zuschuss. Die Schulen sollten nicht lamentieren, sondern mit den Eltern sprechen. Christian van Lessen

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