Berlin : Soll die Kreuzberger Kochstraße nach Rudi Dutschke benannt werden?

Gerd Nowakowski

Stoppt den Terror der Jung-Roten – mit solchen Überschriften machte Springers BZ aus der Kochstraße Stimmung gegen jene, die gegen den Vietnam-Krieg und für Reformen auf die Straße gingen. Ein verwirrter Mann fühlte sich dann aufgerufen, Dutschkes „Terror“ mit drei Schüssen zu beenden. 25 Jahre nach Dutschkes Tod ist die Ehrung durch die Umbenennung der Kochstraße überfällig: Eine Straße, kein versteckter Fußweg auf dem Gelände der Freien Universität. Schließlich gibt es zwei Kochstraßen – beide benannt nach einem vergessenen Bürgermeister, nicht nach dem berühmten Mediziner. Dutschke ist eine historische Figur. Die unruhige Generation von 1968, der er eine Stimme gab, hat großen Anteil an der zweiten Demokratisierung der Bundesrepublik, sie war Wegbereiter für Brandts Reformpolitik und beendete das Schweigen über die NS-Verbrechen. Der klarsichtige Dutschke wollte eine offene Republik, er verweigerte sich jenen, die den Weg in den RAF-Terror gingen, als auch den Sektierern der kommunistischen Kader-Parteien. Dutschke war ein Vordenker der Grünen, der erfolgreichsten Parteigründung nach Kriegsende. Der Anti-Stalinist trat zu einer Zeit für die deutsche Einheit ein, als das in der westdeutschen Linken nahezu ein Tabu-Thema war. In diesem Punkt waren sich Dutschke und Axel C. Springer nicht fern. An diesem Punkt könnten sie sich treffen, dort, wo einst die Mauer stand, Ecke Springer-/Dutschke- Straße.

Zwei Gründe sprechen gegen eine Rudi-Dutschke-Straße. Erstens sollte man Straßen nicht zu leichtfertig umbenennen. Straßennamen halten (Stadt-)Geschichte fest. In einer Zeit, in der die geschichtlichen Moden und Betroffenheiten schnell wechseln, sind die halb vergessenen Gestalten besonders wichtig. Die Kochstraße erinnert nicht an den berühmten Bakteriologen Robert Koch, auch nicht an den ersten Chefredakteur von Axel Springers „Welt“, der Caesar Koch geheißen haben könnte, nicht an Eoban, Gottfried-Heinrich oder gar Thilo Koch, die es allesamt in Meyers Lexikon geschafft haben. Sie erinnert vielmehr an Vize-Bürgermeister Johann Jakob K., gestorben 1734: ein Berliner aus versunkenen, aber nicht uninteressanten Zeiten. Womit wir bei den Verfechtern der Rudi-Dutschke-Straße sind. Es gab – Johann Jakob K. ist der Beweis – vor Karl Marx und Rudi Dutschke Geschichte. Sie geht über manche Leute hinweg – auch das beweist Johann Jakob K. Gleichmütig und gefühlskalt, wie sie ist, wird sie auch über die 68er hinweggehen, vermutlich bald. Wer weiß, was aus Rudi Dutschke geworden wäre, hätte ihn nicht ein Fanatiker niedergeschossen: ein Bildungsminister oder ein religiöser Fundamentalist, aber sicherlich kein großer Theoretiker. Toten soll man nichts Böses nachsagen, aber Dutschke war kein Meister intellektueller Klarheit. Ihm ist mit dem Rudi-Dutschke-Weg in Dahlem Ehre genug erwiesen. Werner van Bebber

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