Berlin : Sollen Haupt- und Realschule zusammengelegt werden?

Annette Kögel

Die Frage ist nicht neu, doch sie ist so aktuell wie lange nicht mehr: Sollen Haupt- und Realschulen zusammengelegt werden? Die Antwort muss „ja“ lauten. Denn in der Kooperation liegt die einzige Chance für Schüler aus bildungsfernen Schichten, einen Einstieg in das gesellschaftliche Leben zu schaffen. Der Hilferuf der Rütli-Schule hat es ans Licht gebracht. Für Hauptschüler gibt es keine Chance, eine Lehrstelle zu finden. Schüler deutscher Herkunft haben keine, weil Realschüler und Gymnasiasten vorgezogen werden. Und Hauptschüler nichtdeutscher Herkunft haben selbst mit gutem Zeugnis keine Aussicht auf den Einstieg in ein selbstständiges Erwachsenenleben, weil sie ganz am Ende der Bewerberkette stehen. Wenn aber künftig Jugendliche zusammen lernen, ziehen die guten Realschüler die vergleichsweise schlechteren Hauptschüler mit nach oben, das kennt man aus gemischten Klassen. Da werden sich Vorbehalte, die derzeit noch an Realschulen bestehen, legen. Zumal deutschlandweit viele Schulen vormachen, dass so ein Verbund funktioniert. Dass zusätzliche Hilfen gebraucht werden, ist ebenso klar: Landsleute, die es geschafft haben, müssen als Vorbilder in den Unterricht. Zudem brauchen die Schulen mehr binationale Sozialarbeiter und Erzieher. Nur wenn es keine Restschule mehr gibt, gibt es keine Restschüler mehr.

Hauptschulen und Realschulen zusammenlegen – das klingt auf den ersten Blick nicht unvernünftig. Nur weg mit den Hauptschulen, die zu Jugendaufbewahranstalten ohne Perspektive geworden sind! Doch was soll dabei herauskommen? Eine Gesamtschule zweiter Klasse bestenfalls, die den Makel der Hauptschule weiter mit sich tragen und das Ausmaß der Bildungskatastrophe nur weiter vergrößern könnte. Dies würde nicht die Hauptschule retten, sondern im Gegenteil die Realschule mit nach unten ziehen. Wie wollen wir das den Realschülern erklären, die sich bislang am sicheren Ufer wähnen und zumindest eine realistische Berufsperspektive haben? Aus Berliner Sicht stellt sich noch eine simplere Frage. Wie soll eine Zusammenlegung überhaupt aussehen? Es gibt weder passende Gebäude noch Geld für Personal über die unbedingt erforderlichen Lehrerstellen hinaus. Es läuft alles auf die übliche Kosmetik hinaus: Man tauscht ein paar Schilder aus, versetzt ein paar Pädagogen, verschiebt ein paar Kurse mit der Folge, dass die Schüler sinnlos von einer Schule zur anderen und wieder zurück laufen – und gibt das dann als Problemlösung aus. Natürlich: Das traditionelle dreigliedrige Schulprinzip ist am Ende. Aber durch solchen Zusammenlegungsaktionismus ist eine einzelne Schule so wenig zu retten wie das ganze System. Bernd Matthies

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