SOMMER, SONNE, ILA : Fliegende Kiste

Der Schwede Mikael Carlson zeigt auf der ILA seinen spektakulären Oldtimer: eine Blériot XI

Andreas Conrad

Der erste Flug über den Ärmelkanal war kein Vergnügen. Ein Konkurrent hatte schon beim Teststart Bruch gemacht, ein anderer war zweimal ins Wasser gefallen. Übrig blieb der Franzose Louis Blériot, der nach vielen Versuchen endlich ein flugfähiges Gerät gebastelt hatte und sich am 25. Juli 1909 anschickte, als erster Mensch von Calais nach Dover nicht den Seeweg zu wählen.

Der Motor überhitzte leicht, der Fuß, den Blériot sich daran verbrannt hatte, schmerzte noch immer. Aber der Start am frühen Morgen war geglückt, ruhig glitt die Blériot XI übers Wasser, wenngleich der Pilot bald nicht mehr wusste, wo er war. Zum Glück sah er mehrere Boote, an denen orientierte er sich, wurde vom Wind abgetrieben, bis er nach 37 Minuten nahe den Klippen von Dover recht unsanft landete.

Die Pionierleistung bescherte dem mutigen Konstrukteur eine Preissumme von 1000 Pfund, ein dick gefülltes Auftragsbuch für seinen Eindecker – und den Bewunderern tollkühner Männer in fliegenden Kisten 99 Jahre später die älteste Maschine, die auf der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) auf dem Flughafen Schönefeld zu sehen ist. Sie gehört dem Schweden Mikael Carlson, Berufspilot und sonst in einer Boeing 737 unterwegs, aber seine wahre Liebe gehört den Veteranen der frühen Luftfahrtgeschichte. Einen ganzen Hangar voll hat er davon, darunter den Nachbau eines Richthofen-Dreideckers, dem er nach jahrelanger Bastelei in diesen Tagen endlich die Tragflächen montieren will, und auch zwei originale Blériot XI, Modell 1910, also schon mit etwas stärkerem Motor als die Ärmelkanalmaschine. Mit diesem Modell war dem Peruaner Jorge Chávez am 23. September 1910 der erste Flug über die Alpen gelungen, der für ihn aber tödlich endete: Turbulenzen hatten die Maschine extrem belastet, beim steilen Landeanflug klappten die Tragflächen nach oben, die Maschine stürzte zu Boden.

Trotz solcher Rückschläge reichte der wirtschaftliche Erfolg des Franzosen bald bis nach Skandinavien, wo der schwedische Hersteller Enoch Thulin von 1914 bis 1918 Maschinen des Typs Blériot XI in Lizenz nachbaute. Einige haben überlebt, ausrangiert in Scheunen, zerlegt in Kisten wie das erste der beiden Flugzeuge, das Carlson in den frühen Achtzigern entdeckte, später kaufte, restaurierte und im Jahre 1991 erstmals wieder zum Fliegen brachte. Acht Jahre später wiederholte er damit Blériots Pioniertat und flog über den Ärmelkanal.

Seine zweite Maschine war schon schwieriger zu restaurieren. Auf einer Farm hatte Carlson sie entdeckt, sie war ebenfalls weitgehend intakt, doch ohne Motor. Ein originaler Ersatz war schwer zu finden und noch schwerer zu erwerben, das gilt bei solchen alten Mühlen für jede Schraube. Aber Carlson ist nicht nur Pilot, sondern ebenso ein gewiefter Mechaniker und Bastler, das macht wohl die Übung seit der Jugend aus, als er beim Modellbau seine Liebe zur Fliegerei entdeckte, bei Weltmeisterschaften Gold- und Silbermedaillen einsammelte und auch dem schwedischen Luftwaffenmuseum zu manchem Ausstellungsstück verhalf. „Wenn ich ein Teil nicht kaufen kann, leihe ich es mir und baue es nach“, erzählt er. Die Frage, wie viel Originales noch in seinen beiden Blériots stecke, mag er aber gar nicht.

Auf Luftfahrt-Shows ist Carlson ein gern gesehener Gast. Wiederholt war er in Berlin, so auch bei der letzten Veranstaltung auf dem Flugplatz Johannisthal 1995, bei der eine historische Messerschmitt Me 108 mit zwei Mann Besatzung, darunter dem ehemaligen Astronauten Reinhard Furrer, am Boden zerschellte.

Diesmal kann Mikael Carlson seine Blériot XI allerdings nur am Boden zeigen: Wegen der Bauarbeiten auf dem Flughafen Schönefeld steht keine Graspiste zur Verfügung. Sie ist für solch betagtes Fluggerät aber unabdingbar. Denn hinten hat eine Blériot statt eines Rades nur einen stählernen Sporn. Andreas Conrad

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