Berlin : Sommermärchen mit Unterbrechung

Idee zum VBB-Begleitservice stammt noch von der WM 2006. Jetzt kam das Aus. Doch es gibt Hoffnung.

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Große Unterstützung. Ohne die Helfer vom VBB-Begleitservice wie Sabrina Stein (r.) muss Gabriele Schönfeld auf viele Touren durch die Stadt verzichten. Foto: Doris S. Klaas
Große Unterstützung. Ohne die Helfer vom VBB-Begleitservice wie Sabrina Stein (r.) muss Gabriele Schönfeld auf viele Touren durch...

„Entschuldigung, wissen Sie – welche Tram muss ich jetzt nehmen?“ Gabriele Schönfeld hat keine Hemmungen, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Das ist für die 53-Jährige auch wichtiger als für andere, weil sie wegen einer schweren Krankheit seit fünf Jahren gehbehindert und auf den Rollator angewiesen ist. „Der ist zu schwer, um ihn anzuheben“, sagt sie, „aber ich bin viel ehrenamtlich unterwegs, seit ich nicht mehr arbeiten kann. Ohne den VBB-Begleitservice ginge das nicht – vor allem, weil mir manchmal schwindlig wird.“ Die krankheitsbedingten Schwindelanfälle kommen völlig unerwartet – und deshalb war Gabriele Schönfeld sehr froh, als sie vor zwei Jahren das kostenlose Angebot des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) entdeckte. Und häufig nutzte, doch jetzt ist damit Schluss.

Weil die bisherigen Beschäftigungsmaßnahmen des Bundes auslaufen, enden die Verträge der letzten 30 Mitarbeiter, sagt VBB- Sprecherin Brigitta Köttel. „Aber es geht weiter, wir führen in den nächsten Wochen Bewerbungsgespräche und hoffen, dass wir im Herbst 100 Stellen neu besetzen können.“

Der Begleitservice kann gratis unter anderem von Rollstuhlfahrern, älteren Menschen sowie Geh- und Sehbehinderten in Anspruch genommen werden. Dass er im Herbst wieder angeboten werden kann, habe man vor allem der Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) zu verdanken, heißt es beim VBB. Sie habe von Anfang an gesagt, dass der Service auch ohne Geld vom Bund bleiben muss. Allerdings dauerte es einige Monate, bis die Mittel bereitstanden, und die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen waren – deshalb klafft jetzt eine Versorgungslücke.

Zwei, drei Monate dürfte es etwa dauern, bis die Neuen alle geschult sind, sagt die Projektleiterin für den Begleitservice, Heike Rau. Leider könnten sich viele sehr engagierte bisherige Mitarbeiter nicht wieder auf die neuen Stellen bewerben, weil es sich dabei um Fördermaßnahmen der Jobcenter handele, die man nicht unbegrenzt in Anspruch nehmen kann.

Eine der Mitarbeiterinnen, deren Vertrag jetzt ausläuft, ist Sabrina Stein. Die gelernte Einzelhandelskauffrau konnte ihren Beruf nach einem Unfall nicht mehr ausüben und wurde vom Jobcenter zum Begleitservice vermittelt. Mit 26 ist sie fast die Jüngste. Die Arbeit macht ihr viel Freude: „Wenn man Menschen so unmittelbar helfen kann, ist das wunderbar.“ Das beginne schon damit, dass ältere Leute nicht mehr dauernd ihre Nachbarn oder Verwandten bitten müssen, sie zum Friseur oder zum Einkaufen zu fahren.

Sabrina Stein erinnert sich auch an eine ältere Frau im Rollstuhl, eine große Musikliebhaberin, die nach vielen Jahren wieder in die Oper wollte: „Dann wurde der Mann, der mitkommen wollte, krank, und sie rief bei uns an. Wir haben dann einen Begleiter für sie gefunden, der Opern mochte. Sie war überglücklich.“ Sabrina Stein würde gern weiter beim Begleitservice arbeiten, wie viele ihrer Kollegen versucht sie, gemeinsam mit ihrem Jobcenter eine Lösung zu finden.

Der VBB bietet den Service seit 2008 an, die Idee dazu entstand nach dem „Sommermärchen“ – der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland – sagt VBB-Sprecherin Köttel: „Damals hatten wir City Volunteers im Einsatz, die Touristen, aber auch Berlinern durch den Verkehr helfen sollten. Die berichteten von dem großen Bedarf an Unterstützung für Menschen mit eingeschränkter Mobilität.“ VBB, Senat, Bildungsträger und Jobcenter setzten sich zusammen. Nach zwei Jahren startete das Projekt. Die extra geschulten Mitarbeiter haben seither etwa 41 000 Menschen begleitet. Bis Januar waren sie von Montag bis Sonntag von 7 bis 22 Uhr unterwegs, monatlich kamen da zwischen 1200 und 1500 Begleitungen zustande. Danach wurde der Service wegen der auslaufenden Fördergelder nur noch werktags angeboten.

„Ich war sehr dankbar, dass es das gab“, sagt Gabriele Schönfeld. „Als ich hörte, dass es auslaufen soll, habe ich gleich an den Verkehrssenator Michael Müller geschrieben, aber bislang keine Antwort bekommen.“ Jetzt hat sich die 53-Jährige erst einmal einen leichteren Rollator zugelegt, aber gegen die Schwindelanfälle kann sie nichts tun. Und andere Begleitdienste sind teuer oder nur im Bezirk tätig. Wie Gabriele Schönfeld hoffen daher viele, dass der Service im Herbst wieder einsatzbereit ist.

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