Berlin : Sonderzüge nach Hamburg und Frankfurt

ANNETTE KÖGEL

BERLIN .Der Einkaufstrubel in den Kaufhäusern ist nichts gegen den Weihnachtsverkehr auf Berlins Bahnsteigen, Flughäfen und dem Busbahnhof.Am heutigen Tag vor Heiligabend machen sich unzählige Großstädter auf den Weg zum Familienfest außerhalb Berlins.Mit dem Beginn der Schulferien startet heute nachmittag die große Weihnachtsreisewelle auf den Straßen, warnt der ADAC.Mit im Stau stehen dann auch unzählige Kunden der Mitfahrzentralen.Wegen der großen Nachfrage setzen Busfirmen und Bahn Sonderfahrzeuge ein.Nach Angaben von Bahnsprecherin Marlene Schwarz hat sich nur ein "ganz geringer Teil" der Fahrgäste das Ticket angesichts der Anschlagserie zurückerstatten lassen.Allerdings gab es gestern erneut eine Bombendrohung auf der Hannover-Strecke.Der ICE 847 kam mit 37minütiger Verspätung in Berlin an.

Am Zoologischen Garten bahnt sich Margret Shanafield den Weg durch die Menge.Die ehemalige Austauschschülerin aus Chicago ist per Zug und mit dem Rucksack unterwegs zur Tante ins brandenburgische Forst."Angst? Habe ich nicht", sagt die 20jährige Amerikanerin, die in München studiert.Eine 25jährige Mutter aus Neukölln hat sich gerade die Fahrkarten nach Hannover abgeholt.Daß die Bahn von vermeintlichen "Freunden" erpreßt wird, wußte sie nicht."Ich hoffe, daß ich heil ankomme."

Berlin-Hannover - eine der derzeit sensibelsten Strecken des bundesweit rund 40 000 Kilometer umfassenden Bahnnetzes.Sogar per Satellit werden die Gleise auch an den Feiertagen überwacht."Wir haben alle verfügbaren personellen und materiellen Kräfte im Einsatz", sagt Ivo Priebe, Pressesprecher des Grenzschutzpräsidiums Ost.Ob der Bundesgrenzschutz jetzt täglich, wie von der Bahngewerkschaft gefordert, Kontrollen im Zug fährt, wollte und konnte Priebe nicht bestätigen."Ich muß mich so restriktiv geben, weil wir potentiellen Nachahmungstätern nicht den Hauch einer Chance geben möchten, uns auszurechen." Über 10 000 Mitarbeiter arbeiten in der für Berlin, Brandenburg und Teile Sachsens zuständigen Behörde - "davon sind so viele wie möglich mit Maßnahmen betraut."

Dem 18jährigen Alexander, ein junger Mann mit Käppi und Mantel, ist jedenfalls nicht recht wohl in seiner Haut.Der Luftwaffen-Soldat ist mit anderen Wehrdienstleistenden auf dem Weg zur neuen Einheit nach Holzdorf, Sachsen-Anhalt.Die Jungs mit den grünen Bundeswehrrucksäcken schauen gebannt auf die Nachrichtentafel im Bahnhofsfoyer.Nachrichten.Bahn-Erpressung."Wer so etwas macht, Anschläge auf unschuldige Menschen verüben", grübelt Alexander und hofft auf "mein Glück".

"Sie müssen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen", rät ein Bahn-Service-Mitarbeiter der Fragestellerin und verweist darauf, daß man die Fahrkarten zurückgeben könne."In der letzten Zeit hatten wir keinen solchen Fall", berichtet eine Mitarbeiterin am Erstattungs-Schalter.Die Resonanz bei den Fahrgästen sei anders, als man vermuten könne."Manche sagen, im Flugzeug kann auch etwas passieren, im Auto erst recht."

Die Bahn sei eines der sichersten Verkehrsmittel, betont Bahnsprecherin Schwarz.Zu Details der Anschlagsprävention auch von ihr kein Wort - aber über die Kunden-Nachfrage.Und die ist enorm.Wie an üblichen Tagen verkehren auch heute rund 1000 Züge von und nach Berlin.Hinzu kommen fünf Sonderzüge (siehe Kasten).Über die Feiertage sind es insgesamt 36 im Berlin-Verkehr, bundesweit 350.Die deutschen Bahnstrecken sind zu 80 bis 100 Prozent ausgebucht.

Wer beispielsweise heute noch nach Frankfurt (Main) fahren möchte, muß sich mit einem Stehplatz im Gang zufriedengeben."Die Plätze im Zug sind total ausgebucht", berichtet eine Bahn-Mitarbeiterin am Auskunftschalter im Bahnhof Zoo."Köln vereinzelt, Hamburg noch ein paar Plätze" - besser sehe es bei den preisgünstigeren Abendfahrten aus.

Steigen besorgte Passagiere jetzt auf andere Verkehrsmittel um? "Einen eingefleischten Bahnkunden stimmen Sie nicht so leicht um", heißt es dazu von einem Mitarbeiter des "ACC-Reisebüro Lufthansa City Center" am Dahlemer Breitenbachplatz.Über die Jahreswende reisen unzählige Berliner mit dem Flugzeug.Pauschalreisen, Sonderangebote, Kanaren: das alles ist weg.Inlandsflüge sind hingegen auch über Weihnachten noch in alle Richtungen erhältlich, "wenn man bei der Flugzeit flexibel ist".

Auch die Busse sind zumeist voll: Flensburg, Celle, München, Städte im Harz: das sind nur einige Ziele, die Linien- und Pauschalanbieter jetzt verstärkten, sagt Dieter Schulz, Betriebsleiter des Zentralen Omnibus-Bahnhofs am Funkturm.Allein bis heute vormittag um 10 Uhr werden fast 100 riesige "Megaliner" und "Doppeldecker" auf die Reise gehen.Schulz: "Damit haben wir jetzt rund dreißig Prozent mehr Verkehr."

Auffällig mehr Inlandsbuchungen verzeichnet auch die erste und größte Mitfahrzentrale Berlins, "Citynetz".Nach Süddeutschland "hätte ich ganze Busse schicken können", sagt Chef Hans Ludwig Klaus.Stuttgart, München und die Bodensee-Region seien sehr gefragt - "die Schwaben scheinen ganz besonders heimelig zu feiern".

Bis man mit dem Auto sein Ziel erreicht, sollte man es sich indes im Fahrzeug gemütlich machen.Genügend Spiele für die Kinder, warme Kleidung, warme Schuhe, heiße Getränke, Decken - und den vollen Tank nicht vergessen, rät der ADAC.Damit es auf dem Weg in die Weihnachtsfeiertage im Stau keine schöne Bescherung gibt.

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