Berlin : Sonntag zieht der Karneval mit „Hei-Jo“ durch die Mitte

Lothar Heinke

Sie sind schon ganz hippelig, Berlins Karnevalisten. Die Schau rückt immer näher. In vier Tagen lockt ihr Umzug wieder Hunderttausende auf die Straße oder vor den Fernsehapparat, die Veranstalter träumen sogar von einer Million Menschen, die lustbetont und liebestrunken am kommenden Sonntag an der Strecke stehen, jubeln, singen, lachen, tanzen, schunkeln und Kamellen abfassen – 60 Tonnen Wurfmaterial fliegt von den 60 Festwagen in die nach solch närrischen Liebesgaben dürstenden Berliner, denen sich, wie die Veranstalter sagen, immer mehr Rheinländer hinzugesellen, weil’s mittlerweile an der Spree manchmal auch schon so schön närrisch zugeht wie am Rhein. „Da könnet wir jleich hierbleibe.“

Der Karnevalszug startet um 11.30 Uhr am Potsdamer Platz, bewegt sich unter dem bewährten Motto „Hier tanzt der Bär“ gemächlich durch die Leipziger Straße, überquert die Friedrichstraße und biegt danach in die Markgrafenstraße ein. Hier lässt man den Gendarmenmarkt links liegen, macht einen Schlenker von der Französischen in die Friedrichstraße und biegt schließlich rechts in die Baustelle „Unter den Linden“. An der Kreuzung Karl-Liebknecht-/Spandauer Straße fahren die Wagen mit ihrem 4000-köpfigen Narrenvolk zur Endstation Schlossplatz. Ab 16 Uhr gibt es dort eine Karnevalsparty im Festzelt, mit zehn Euro ist man dabei, um dem Prinzenpaar Eckart und Inge unzählige Male „Berlin Hei-Jo!“ zuzurufen und ein zackiges „Ole ole ole, Karneval an der Spree“ hinterherzuschmettern.

In der Ständigen Vertretung am Schiffbauerdamm legte gestern der Vorsitzende vom Karnevalszugverein Berlin, Harald Grunert, ein Treuebekenntnis zur speziellen Berlin-Variante des Faschings ab. Auch wenn über seiner Narrenkappe ein rotes Stofftransparent mit der Aufschrift „Vom Wessi lernen heißt siegen lernen“ schwebte – „der Anteil der Karnevalsvereine ist hier größer als in Westdeutschland, die Akzeptanz, sich im Karneval darzustellen, wächst stetig“, sagt Grunert und erinnert daran, dass vor sechs Jahren beim ersten Umzug in der berlinischen Karnevalsneuzeit 150 000 Leute an der Straße standen, „und wer heute im Clowns-Appeal in der S-Bahn sitzt, versteckt längst nicht mehr schamhaft seine Kostümierung.“ Im Zug blasen 16 Musikzüge vor sich hin, 35 Vereine aus Berlin und Brandenburg marschieren begeistert mit, es gibt sogar einige Wagen, die zu bestimmten Themen gestaltet sind. Das ist neu. Wie ein berittenes Fanfarencorps aus Eschweiler. Harald Grunert glaubt, man sei an dem Punkt angekommen, wo dieser Umzug, der 70 000 Euro kostet, öffentlich gefördert werden sollte, schließlich kämen extrem viele Touristen zu Hei-Jo und Ole. 400 Helfer und 200 Polizisten sind dabei – die Ordnungshüter ohne Mützen: „Im Rheinland werden die als Souvenirs geklaut.“ Und außerdem: Es küsst sich besser.

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