SONNTAGS um drei : Im Schattenreich der Kirche Ein abkühlender Gottesdienst

auf Nikolskoe am Wannsee.

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Mit Zwiebelturm. Die Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe ist russisch-orthodoxen Bauten nachempfunden. Foto: Mike Wolff
Mit Zwiebelturm. Die Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe ist russisch-orthodoxen Bauten nachempfunden. Foto: Mike Wolff

„So eine Hitze“, seufzt eine ältere Dame und tupft sich das Gesicht ab. Sogar hoch über dem Wannsee, unter Ahorn und Eichen, drückt die Wärme. Unten in den Badebuchten suchen sie Zuflucht im Wasser. Eingeweihte kennen aber noch einen Ort, wo es im Sommer kühl bleibt: die kleine Kirche St. Peter und Paul auf Nikolskoe. Es ist viertel vor drei, die Tür steht auf, die Glocken läuten zum Gottesdienst. Es ist angenehm dunkel, weiße Lilien und Rosen duften. Hinsetzen, durchatmen, zur Ruhe kommen. Friedrich-Wilhelm III. ließ das Kirchlein 1837 im russischen Stil erbauen, für die Bewohner der Pfaueninsel und von Kleinglienicke – und auch, um seiner Tochter eine Freude zu machen. „Wie schön müsste es sein, wenn die Abendstille von Glockengeläut durchtönt würde“, soll Prinzessin Charlotte von Preußen ausgerufen haben. Als ihr der Vater den Wunsch erfüllte, war sie bereits Zarin in Russland.

Der romantische Charme des Kirchleins zieht viele junge Leute zum Heiraten hierher. An diesem Sonntag sind ein gutes Dutzend Menschen gekommen und singen jetzt „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht“. Während die Ohren sich auf die schöne Melodie von Paul Gerhardt konzentrieren, schweifen die Augen zu dem alten Holzgestühl, den Medaillons mit den Evangelisten, den Arabesken in den Fenstern.

Die Lesung aus dem Matthäus-Evangelium umfasst drei Verse und zwei Vergleiche: Ein Bauer verkauft seinen Besitz für einen einzigen Schatz im Acker, ein Kaufmann veräußert alles, was er hat, für eine einzige Perle. Das Himmelreich sei wie dieser Schatz, wie diese Perle. Wer ernsthaft glaube, müsse sich entscheiden, sagt Johannes Krug, der junge Superintendent von Teltow-Zehlendorf, in seiner Predigt. „Die großen Propheten und Apostel, Johannes der Täufer und schließlich Jesus wollten unser Leben nicht etwas besinnlicher machen, sondern sie rufen zur Besinnung.“ Das bedeute: Es ist Zeit, dein Leben zu ändern. Das gelte auch für evangelische Christen, betont Johannes Krug. Es sei ein Missverständnis, wenn der evangelischen Kirche vorgeworfen werde, sie erlaube alles, nur weil sie anders als die katholische Kirche keine unhinterfragbaren Lehren und Dogmen aufstelle. Wer evangelisch glaubt, dem könne kein Papst, keine Predigt, keine kirchliche Verlautbarung die Entscheidung abnehmen, der müsse immer auch das eigene Gewissen befragen. Einfach sei das nicht, im Gegenteil. Vor allem brauche es dafür ein vernünftiges, religiös gebildetes Gewissen, das offen ist für kritische Rückfragen. Die Bildung des Gewissens kommt Johannes Krug zu kurz in der heutigen Schullandschaft. Ernsthaft zu glauben heiße auch, mal von sich selbst abzusehen und zu schauen, wie es anderen geht. Es bedeute, auch Fehler zu riskieren und barmherzig zu sich selbst zu sein. „Dass wir alles richtig machen, wird Gott kaum erwarten“, sagt Krug.

Es folgen Fürbitten „für alle, die sich nicht entscheiden können, dass Gott bei dem Ja ist und bei dem Nein. Und dass er uns Größe gibt, uns untereinander falsche Entscheidungen zu verzeihen.“ Nach dem Vaterunser versammeln sich alle vor dem Altar zum Abendmahl. Noch ein Segen zum Abschied und schon geht die Tür wieder auf. Die Sonne brennt immer noch heiß. Die kleine Pause hat gutgetan. Claudia Keller

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