SONNTAGS um zehn : Beten und betten

Wider die böse Tat: Vom Gottesdienst in der Charité.

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Weil er keine Orgel hat, die von oben herab die versammelte Gemeinde auf das nächste Lied einstimmt, brummt er die Melodie eben selbst: da-da-da-dam!, und dann wird losgesungen aus kranken Kehlen. Keine Handvoll Patienten hat es an diesem Sonntag in den „Raum der Stille und des Gebets“ im Charité-Bettenhaus in Mitte geschafft. Sie haben sich langsam und unter Schmerzen in die Korbsessel gesetzt, ihre Gesichter sind blass, Gehhilfe und Schnabeltasse sind auch dabei. Eine Frau kennt Seelsorger Stefan Kahlbow bereits, den anderen stellt er sich erstmal vor. Die Kirchenleute in den Krankenhäusern haben keine Gemeinde, kaum sehen sie jemanden zweimal im Gottesdienst – und müssen sich ja ohnehin über jeden freuen, den sie nie treffen.

„Liebe Gemeinde“, sagt Kahlbow trotzdem, und da lachen alle leise. Dann liest er das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht vor, das Jesus erzählt, als Petrus ihn fragt, wie oft er anderen vergeben solle? Siebenmal oder 77? Wieso „wir kleinen Hansel“, so Kahlbow, vergeben sollen, wenn doch auch die Schöpfung unbarmherzig sein kann, wenn Menschen krank werden, warum auch immer. Er will zeigen, dass das die falsche Frage ist.

Der Knecht jedenfalls kann seinem Herrn ein sehr großes Darlehen nicht zurückzahlen und fleht um Geduld. Der Herr ist gerührt und erlässt die Schuld. Kurz darauf trifft der Knecht einen Mitknecht, der ihm einen kleinen Betrag schuldet. Dem springt er an die Gurgel und verlangt das Geld zurück. Der Mitknecht kann auch nicht zahlen und wird nun von seinem Gläubiger ins Gefängnis geworfen. Davon erfährt der Herr und lässt – enttäuscht über das Verhalten – den Knecht ebenfalls ins Gefängnis werfen.

Die Barmherzigkeit des Herrn nicht weitergegeben zu haben, sei die eigentliche Schuld des Knechts, sagt Kahlbow. Er fragt seine Zuhörer nach Schillers Wallenstein, dem Fluch der bösen Tat, die fortwährend Böses nur hervorbringe. Die nicken, ja, schon mal gehört. Davon das Gegenteil meine dieses Gleichnis, die gute Tat, die weiter Gutes ermöglicht. Lasst los!, sage Jesus den Menschen, befreit euch von dem Zwang, anderen ihre Schuld nachzuweisen und werdet so stärker.

Gerade Sie, spricht Kahlbow seine Zuhörer direkt an, Sie, die Kranken, die täglich erleben müssten, dass ihre Kraft begrenzt ist, sollten sich des Guten erinnern, das ihnen widerfuhr, und nicht der Rechnungen, die nicht beglichen sind.

Nach dem Gottesdienst setzt auch Stefan Kahlbow sich in einen der Korbstühle. Er fragt die Zuhörer, die geblieben sind, wie es ihnen gehe. Viel Gutes hört er nicht. Ariane Bemmer

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