Berlin : Sonntags um zehn: Das lange Warten hat ein Ende

Wind und Regen peitschten gestern Vormittag die Kirchgänger in die evangelische Hephata-Kirche in der Fritz-Reuter-Allee. Ein stürmischer Beginn für Nana Dorn, die im Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae - 70 Tage vor Ostern - in der Hephata-Gemeinde als Pfarrerin eingeführt wurde. Kein Platz blieb in der Kirche leer, zu der Bischof Otto Dibelius im Juni 1954 den Grundstein gelegt hatte - mitten in einem Kornfeld des Britzer Gutsgeländes. Der erste Kirchenneubau in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg war es, und er wurde mit Hilfe der amerikanischen Organisation "Wooden Church Crusade" errichtet. Geld war auch später nie genügend da - acht Jahre musste die 38-jährige Theologin warten, bis ihr gestern der amtierende Superintendent Bernd Szymanski endlich ihre Berufungsurkunde für die Hephata-Gemeinde aushändigen konnte. Acht Jahre, in denen die seit ihrem Studium in Berlin lebende Stuttgarterin im so genannten Entsendungsdienst der Kirche tätig war - ohne feste Stelle und überall auf Abruf. Mit Posaunen sogar aus Paderborn wurde deshalb gestern das Ende der "unerträglich langen Wartezeit" Nana Dorns gefeiert, die zuletzt "kaum noch Hoffnung hatte", so der Superintendent und Gemeindepfarrer in seiner Einführungsansprache. Man müsse die Personalplanung in der Kirche hinterfragen, zitierte Szymanski die Worte des Vater der neuen Kollegin. Dies stimme um so mehr, da in zehn Jahren Pfarrermangel abzusehen sei.

In der Hephata-Kirche droht diese Gefahr seit gestern erst mal nicht. Mit der Erkenntnis "die Letzten werden die Ersten sein" war das 20. Kapitel aus dem Evangelium des Matthäus passend gewählt. "Ja, mit Gottes Hilfe", versprach die junge Pfarrerin mit klarer Stimme am Altar im Halbrund der sie umgebenden Gemeinderatsmitglieder, zur Ehre Gottes und zum Besten der Gemeinde zu wirken. Die zeigte sich dankbar bewegt und sang nach der Amtseinführung Nana Dorns im kräftigen Chor: "Es ist das Heil uns kommen her". Die Pfarrerin, die sich während ihres bisherigen "Entsendungsdienstes" in der Neuköllner Kirchengemeinde besonders um die Kinder- und Jugendarbeit gekümmert hatte, predigte zum gestrigen Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus von notwendiger Toleranz. Es sei nicht so einfach, wie es sich sagt - das stellte sie nicht in Abrede. Tolerant zu sein, heiße, andere anders sein zu lassen, ihnen das Recht auf ihr Anderssein zuzugestehen. Nicht wir, allein Gott berufe, und allein Gott richte, sagte sie und kam wieder zu der biblischen Geschichte vom Weinberg, bei dem die Letzten die Ersten waren. "Alle, die warten, kommen am Ende auch zu ihrem Recht" - durch Gottes Gerechtigkeit.

Nana Dorn ist sie gestern widerfahren. Undendlich viele Glückwünsche, auch Blumen und kleine Präsente nahm die Pfarrerin nach dem Gottesdienst entgegen. Dabei sah man sich gleich wieder - im Gemeindehaus wurde weitergefeiert, mit nochmals guten Wünschen - und Suppe für alle. Sogar die Sonne schien zur Feier des Tages - in der mittelständisch geprägten Gemeinde war gestern die Welt in Ordnung. hema

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