Sonntags um zehn : Dialog auf Augenhöhe

Am Israelsonntag feierten Christen und Juden am Alex gemeinsam Gottesdienst.

Tanja Tricarico

Stolz schwingt in seiner Stimme. Und Ehrfurcht. Johannes Krug, Pfarrer in der St. Marienkirche am Alexanderplatz, hat zum Israelsonntag Lala Süsskind eingeladen. Rund 200 Menschen sind gekommen, um die Ansprache der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde anzuhören. Mit eindringlicher Stimme übt sie scharfe Kritik am Bild, das Christen von Juden und dem Staat Israel pflegen. „Es fehlt an Toleranz“, sagt die schmächtige Frau mit den kurzen Haaren. „Keiner darf in seiner religiösen Ecke sitzen bleiben.“

Seit dem 16. Jahrhundert wird der Israelsonntag am 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert. Der Tag ist ein Trauertag und erinnert an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Die Kippa auf dem Kopf, die schwarze Bekleidung der orthodoxen Juden – noch immer ist es nicht selbstverständlich, dass Juden ihre Glaubenszugehörigkeit zeigen. Süsskind erinnert an einen Fall in Berlin. Ein Mann mit Israelfahne wird bis in die U-Bahn verfolgt und bedroht. „Wir müssen über solche Vorfälle sprechen“, sagt sie. „Christen oder Juden, alle haben sich den grundsätzlichen ethischen Werten verpflichtet.“ Nach Lala Süsskinds Ansprache applaudiert die Gemeinde. Viele ältere Menschen haben Tränen in den Augen. „Der Mensch vergisst so schnell“, murmelt ein Mann und wischt sich mit einem Taschentuch die Stirn.

Fröhliches Kinderlachen durchbricht die Schwere, die in der Kirche spürbar ist. Ernst-Michael Dörrfuß, Vorsitzender des gemeinsamen Ausschusses Kirche und Judentum der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), mahnt in seiner Predigt, das Schweigen zu brechen. „Viel zu lange haben die Christen über das Unrecht, das dem jüdischen Volk angetan wurde, kein Wort verloren“, sagt Dörrfuß. „Wir haben eine Verantwortung.“

Nach knapp 90 Minuten ist das Gedenken beendet. Während Krug und Dörrfuß am Ausgang die Hände der Kirchgänger schütteln, kaut ein amerikanischer Tourist ungeduldig auf einem Zahnstocher. Er will die Kirche besichtigen. 

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