Berlin : Sonntags um zehn: Die Toleranz der Preußen

Alexander Pajevic

Inzwischen sind die themenbezogenen Focus-Gottesdienste in der Charlottenburger Luisenkirche schon so etwas wie eine Tradition geworden und eigentlich auch, dass Hans Joachim Neumann, seines Zeichens Direktor der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Charité, dazu einen Predigt genannten Vortrag hält. Schon zum vierten Mal war der passionierte Amateurhistoriker und Autor mit dem Spezialgebiet krankengeschichtlicher Biographien gekommen, und diesmal ging es - wie könnte es dieser Tage anders sein? - um Preußen. Durchaus passend, denn von den vielen Vermächtnissen der Hohenzollern in der Stadt ist die Luisenkirche sicherlich ein ganz besonderes Kleinod, dass mit seiner schlichten Anmut auch schon barocke Gemüter begeistert hat.

Ebenfalls passend zum Thema gab es Flötensonaten, darunter auch von Friedrich dem Großen selbst komponierte, so dass das dem Kiez entsprechende, bürgerlich gemischte Publikum gar nicht anders konnte, als für Preußen eingenommen den Ausführungen Neumanns zuzuhören. Pfarrer Bernd-Jürgen Hamann hatte zuvor schon angekündigt, das es, auch wenn es Leute gäbe, die die Fragwürdigkeiten des Preußentums in der Vordergrund rückten, durchaus doch auch Würdigkeiten gäbe. Angesichts der aufflammende Fremdenfeindlichkeit sei die viel gepriesene preußische Toleranz auch heute keineswegs unzeitgemäß.

Neumann hob dann dazu an, dies zu bestätigen und führte die Tradition der Toleranz noch auf kurfürstliche Zeiten zurück, der sich dann alle Nachfolger verpflichtet sahen. Gemäß dem Thema seiner Predigt "Wenn Türken und Heiden kämen, so wollen wir für sie Moscheen und Kirchen bauen" führte er aus, mit welcher Offenheit die Hohenzollern Religionsflüchtlinge ins Land holten und so wirtschaftliche Vernunft mit religiöser Toleranz verbanden. Tatsächlich haben sie auch Synagogen gebaut, sagte Neumann, und so ein christlich-jüdisches Miteinander in Deutschland begründet, dass 1933 ein jähes Ende fand. Dieser etwas euphemistischen Sicht stehen zwar diverse diskriminierende Judengesetze Preußens gegenüber, aber tatsächlich war unlängst aus berufenem Munde zu hören, dass es den Juden in Preußen zumindest besser erging als anderswo in Europa. Sei es wie es sei, anregend war der Vortrag allemal. Aber ist so ein Focus-Gottesdienst mit so einem historischen Vortrag überhaupt ein Gottesdienst, trotz Bittgebeten, Abendmahl und Segen? Darüber mögen Theologen streiten - dass er ein Vergnügen ist, steht außer Frage und deswegen war es auch keineswegs unpassend, dass die Musiker zum Abschluss einen lang anhaltenden Applaus erhielten.

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