SONNTAGS um zehn : Eine gute Gemeinschaft

Johannes Mesus ist mit dem Down-Syndrom geboren. Für seine Hilfe als Ministrant wurde er nun geehrt.

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Johannes Mesus muss man nichts mehr erklären. Der kleine Mann mit den breiten Schultern und der modischen Brille kennt sich aus in der Dominikanerkirche St. Paulus in Moabit. „Großer Einzug heute?“, fragt Pater Antoninus Walter in der Sakristei. „Klar“, sagt Johannes Mesus. Seit 15 Jahren ist der 29-Jährige hier Ministrant. Zuvor assistierte er in anderen Kirchen. Eigentlich hat er schon in der vierten Klasse damit angefangen. Vor zwei Wochen wurde er für sein Engagement in St. Paulus geehrt. Die Patres und anderen Messdiener haben mit ihm zu Mittag gegessen und als Geschenk gab es einen Gutschein fürs Kino. Das alles ist keine Sensation. Doch für Johannes Mesus ist die Gemeinschaft vielleicht noch ein bisschen wichtiger als für andere Menschen. Er ist mit Down-Syndrom auf die Welt gekommen, da öffnen sich Türen nicht selbstverständlich.

Was ihm am Messdienersein besonders gefällt? „Das schöne Gewand anziehen“, sagt Johannes Mesus und streicht über den violetten Rock, das weiße Chorhemd und den violetten Kragen. Auch „Kerze“ oder „Weihrauch“ machen ihm Spaß. Eine Kerze zu tragen ist eher schwierig, manchmal hat er Probleme mit dem Gleichgewicht. Also trägt er meistens das Weihrauchfass.

Die Glocken läuten, die Kirchenbänke füllen sich. Heute ist die Messe auf Lateinisch, um den zweiten Advent besonders feierlich zu gestalten. In den Bänken liegen Blätter mit der deutschen Übersetzung. In der Sakristei stellen sich die Messdiener auf. Vorneweg gehen die mit dem schweren Kreuz und zwei Leuchtern. Dahinter kommen die Kerzenträger. Johannes Mesus nimmt das Weihrauchfass und ordnet sich mit seiner Nachbarin in die Prozession ein. Auch sein Vater hat sich Rock, Chorhemd und Kragen angezogen. Er ist Gottesdiensthelfer und wird später die Kommunion mit austeilen.

Nach der Vergebungsbitte, nach Kyrie, Credo und Lesungen aus dem alten und neuen Testament geht es in der Predigt von Pater Antoninus Walter heute um Johannes den Täufer. Der Täufer wird in der Bibel als eigenwilliger Zausel beschrieben, der sich in die Wüste zurückzieht und von Heuschrecken lebt. Wenn er Menschen begegnet, ermahnt er sie zu Buße und Umkehr. Jeder habe seine Pflichten im Alltag, sagt Pater Antoninus. Johannes der Täufer wollte nicht, dass die Menschen alles hinschmeißen und so leben wie er. Aber er versuchte, ihnen die Augen dafür zu öffnen, dass es noch etwas anderes gibt als die „Oberflächlichkeit des Alltags“, wie Pater Antoninus sagt. Dass es Gottes Willen gibt und die Wahrheit. Und irgendwann müsse jeder Farbe bekennen, sagt der Pater. So wie Joseph, ein unscheinbarer Mann, der auch nur ein „Rädchen“ gewesen sei, funktioniert habe. Doch im entscheidenden Moment stand er zu Maria, obwohl sie nicht von ihm schwanger war und er seinen Ruf riskierte.

Johannes Mesus hat viel zu tun mit dem Weihrauchfass. Immer wieder muss er Kohle nachfüllen, mal wird das Fass langsam geschwenkt, mal schneller. Mit einer genauen Anzahl von Schritten geht es um den Altar herum und zur Kanzel, damit der Priester die Bibel vor der Predigt mit Weihrauch verehrt. Während der Predigt sitzen die Messdiener auf Bänken hinter dem Altar. Johannes Mesus schaut zu den Fenstermosaiken hoch, zu den grünen und gelben Farben. Er habe ein besonderes Gespür für Farben und Formen, hatte sein Vater gesagt. Johannes malt, hatte auch schon eigene Ausstellungen, spielt Theater bei „Ramba Zamba“ und arbeitet wochentags in einer Holzwerkstatt.

Ob er sich auf Weihnachten freue, war Johannes zuvor in der Sakristei gefragt worden. „Nein“, hatte er gesagt und den Kopf hängen lassen. Seine Oma sei gestorben. Der Vater bekam feuchte Augen. Johannes bemerkte es gleich und streichelte den Vater zärtlich am Arm.

„Geheimnis des Glaubens“, spricht nun Pater Antoninus am Altar im eucharistischen Hochgebet. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“, antwortet die Gemeinde. Gleich werden sich alle zum heiligen Abendmahl versammeln. Die Jahrhunderte alten Riten und Glaubenssätze geben Halt, ordnen das Leben und trösten, wenn jemand gestorben ist. Das empfinden nicht nur Johannes Mesus und sein Vater so. Claudia Keller

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