Sonntags um zehn : Fast umsonst und draußen

Stadtmission: Ein Festival zum 130. Geburtstag.

G,a Bartels

Die Stadtmission hat’s begriffen: Wer wirken will, muss sichtbar sein. Im Hauptbahnhof gleich neben dem Infoschalter steht ein Aufsteller, der zum dreitägigen Festival einlädt, mit dem die Stadtmission am Wochenende ihren 130. Geburtstag feiert. Auf dem Vorplatz baumelt zufällig ein Stadtmissionsbeutel am Arm eines Passanten. Und die ganze Invalidenstraße entlang sind Richtung Lehrter Straße lila Pfeile und Hinweise auf den Bürgersteig gesprayt.

Dort, im Garten des Zentrums am Hauptbahnhof, sind Bühne, Bänke und Zelte für viele Hundert Leute aufgebaut. Los geht’s mit dem gemeinsamen Open-Air-Gottesdienst aller 60 Stadtmissionsgemeinden und sozialen Einrichtungen. Und danach gibt’s, wie schon die beiden Tage zuvor, ein Spaß- und Informationsprogramm für Mitglieder, Freunde und Gäste von überall her. Gefeiert wird bei der quirligen Stadtmission das ganze Jahr, am 30. November auch noch mal im Roten Rathaus.

Holzbänke, Sonnenschein, Umarmungen, Kinderwagen und Sakropop – bei der Stadtmission ist scheinbar alle Tage Kirchentag. Bestimmt alle Sonntage. Und zumindest, solange man die zerfurchten Trinkergesichter nicht zu genau mustert, die sich auf dem Gelände in der Lehrter Straße ganz selbstverständlich unter die Krawattenträger mischen. An den abblätternden Fenstern der Straffälligenhilfe stehen zwei Herren im T-Shirt und beschauen unsicher die christliche Partystimmung. Gottesdienste seien für ihn das Schönste an der Woche, sagt Pfarrer Hans-Georg Filker mit Inbrunst. „Da erfahren ich etwas, was ich mir nicht selber sagen kann, sondern lasse mir etwas zusprechen.“ Und dann spricht der Stadtmissionsdirektor erst mal den Kindern gut zu. „Nun lasst eure Eltern mal allein und geht zum Kindergottesdienst. Da ist es für euch viel schöner.“

Ein vierjähriges Mädchen in Pink, das auf den Namen „Mäuschen“ hört, mag den warmen Worten nicht glauben. Mutti und Oma müssen harte Überzeugungsarbeit leisten, bis sie schließlich ihre Plüschtasche packt. Und tatsächlich verpasst „Mäuschen“ einen fetzigen Gottesdienst mit viel Musik zum Mitschnipsen und einer Predigt, die keine Selbstbeweihräucherung des 1877 von der evangelischen Kirche gegründeten Wohlfahrtsvereins ist, sondern sich um Zweifel dreht. „Manchmal sieht man Leute auf der Frömmigkeitsüberholspur links an sich vorbeiziehen“, meint Hans-Georg Filker und verzieht das Gesicht. Doch für Gott sei es völlig in Ordnung, wenn man zweifle. „In der Anrede Gottes erfahre ich große Freiheit. Auch die, mein Leben neu zu ordnen.“ Die christliche Botschaft sei keine Forderung, kein Appell, anständiger zu leben oder weniger zu pfuschen. Sie sei vielmehr eine Einladung: „Gott will etwas Neues schaffen und ich darf das annehmen. Er stellt meine Füße auf weiten Raum.“

Nach der Predigt offenbart Pfarrer Filkers sein anderes Showtalent. „Gute Taten machen high“ habe eine neue Studie bewiesen, sagt der Fundraiser für 600 spendenfinanzierte Mitarbeiter und zahllose ehrenamtliche Stadtmissionshelfer. Und weil den Rausch der guten Tat jeder erleben wolle, sollen alle ordentlich Scheine in die Klingelbeutel springen lassen. So geschieht es. Am Ende des Gottesdienstes erheben sich die Leute, wild entschlossen, auf dem Sommerfest mindestens zwei neue Menschen kennenzulernen. Das hatten sich die Organisatoren gewünscht. Gunda Bartels

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