SONNTAGS um zehn : „Gott geht überall mit“

Baptisten weihen ihre neu gestaltete Kirche ein

G,a Bartels

Außer der Orgel sei alles Alte raus, sagt Jörn Thiede und blickt von der Orgelempore glücklich auf das neugierige Gewusel unten. Vier Monate hat der Oberflächendesigner die Hofkirche genannte, über hundert Jahre alte Baptistenkapelle in der Köpenicker Bahnhofstraße neu gestaltet. Und beim Einweihungsgottesdienst der umtriebigen Gemeinde platzt sie aus allen Nähten. „Schön hell“ ist der allgemeine Kommentar. Klar und einfach – wie die Glaubenskultur der Baptisten – nennt der konfessionslose Thiede sein Konzept aus warmen Hölzern und sandfarbenem Marmorkalkputz. „Ein Raum zum Wohlfühlen, in dem das Wort die Hauptsache bleibt.“

Beim charismatisch angehauchten Festgottesdienst der 270 Mitglieder starken Gemeinde gibt es außer Worten auch Sakralpop und Tanz. Der Pastor ist um die Vierzig, heißt Winfried Glatz und hat zum roten Hemd einen Schlips mit lauter weißen und einem schwarzen Schaf umgebunden. Talar tragen Baptisten nicht. Wie ihm die neue alte Kapelle gefällt? „Ist eine Linie drin“, befindet er lakonisch.

Da, wo jetzt die Band sitzt, steht sonst der Altartisch, erklärt Pastor Glatz. Und hinter der verschiebbaren Holzwand liegt das große Taufbassin der evangelischen Freikirche, die seit dem 17. Jahrhundert keine Kinder, sondern nur Jugendliche und Erwachsene tauft. Das hat den Baptisten, die die größte Freikirche Deutschlands sind, ihren Namen eingetragen. Weltweit zählt die Kirche um die 40 Millionen Mitglieder.

Die Predigt an diesem Sonntag dreht sich passenderweise auch um ein Bauprojekt. Allerdings um eins aus dem Alten Testament, das 3000 Jahre alt ist: Gott sei kein Dauercamper, habe sich damals König David gedacht, erzählt der Pastor der Gemeinde. Und er habe ihm deshalb statt der Stiftshütte einen Tempel für die Bundeslade bauen wollen. Gott jedoch hatte das Zelt nie als Defizit empfunden und ließ über einen Propheten ausrichten: Er sei ein Weg-Gott, kein Haus-Gott. „Menschen brauchen Häuser“, sagt Winfried Glatz, „aber Gott ist ein Liebhaber des Lebens, der sich nicht auf Orte oder Zeiten beschränken lässt.“ Und so sei die Kapelle zwar ein Raum, wo Menschen Gott treffen könnten. Aber Hausarrest habe er dort nicht: „Er geht überall hin mit.“ Gunda Bartels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben