SONNTAGS um zehn : Gottes Sternlein

Die Gemeinde St.-Jacobi-Luisenstadt beschließt die Pflegewoche

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Wie nah die Dinge im Leben manchmal beieinanderliegen. Über den Moritzplatz rennen, keuchen, kämpfen sich die Teilnehmer des Berlin-Marathons, der Straßenrand feuert sie an – eine Feier der Ausdauer, der Kraft, des Körpers. Wenige Meter die Oranienstraße hinunter beginnt zur selben Zeit der Gottesdienst der Gemeinde St.-Jacobi-Luisenstadt zum Abschluss der Pflegewoche, speziell für Demenzkranke, Angehörige, Pflegekräfte, Gäste und Freunde.

Eine Woche lang hat sich die Gemeinde mit der Frage befasst, wie und von wem die letzte Lebensphase begleitet werden kann. „DaSein“, eine Ausstellung des Bundesgesundheitsministeriums, ist noch bis Mitte Oktober in der Kirche zu sehen. „Wir wollen damit auch unsere Gemeinde aus dem Dornröschenschlaf wecken“, erklärt Kirchenratsvorsitzender Roland Jupp. Deshalb wurde kürzlich auch der Besuchsdienst wieder eingeführt. Wirklich gefruchtet hat die Pflegewoche nicht. „Die Arbeitsagentur war hier, Schülergruppen waren eingeladen, mehr über den Beruf zu erfahren. Es ist niemand gekommen“, sagt Pfarrer Volker Steinhoff.

Jetzt steht er vor der Gemeinde, in der ersten Reihe sitzen Mitglieder im Rollstuhl, und er lässt singen: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ Was früh in Kinderherzen gesät wurde, könne im Alter aufgehen zu einer Frucht, sagt Steinhoff in seiner Predigt. Die altbekannten Lieder von früher wecken etwas auf im Herzen, was vielleicht schon lange verschüttet ist. Doch: „Gott vergisst niemanden von uns, da jeder von uns ein Gedanke Gottes ist. Wem Gott das Leben gegeben hat, auf den achtet er, dass ihm auch nicht einer fehlt.“ Einfache Lieder, einfache Sätze dominieren in diesem Gottesdienst, denn die einfachen Sätze sind es, die wir im Leben brauchen, die uns eine Stütze sind. Sätze wie „Ich hab dich gern“. Dann kommt jedes Gemeindemitglied nach vorne, zündet ein Licht an – für die, die mehr und mehr in die Nacht hineinrutschen?

Es fällt schwer, an diesem Tag, der so hell und warm ist wie ein Herbsttag nur sein kann, an die Nacht zu denken. Ein kurzer Rundgang um die 1845 von Friedrich August Stüler, dem Nachfolger Schinkels, als Basilika errichtete Kirche: Weinlaub rankt sich um die Apsis, rot sticht er gegen den blauen Himmel ab, Blätter fallen zu Boden. Stille Schönheit. Man kann der Gemeinde nur wünschen, dass die Bemühungen um mehr Besucher Erfolg haben – allein schon wegen des herrlichen Kreuzgangs an der Oranienstraße. Drinnen singen sie wieder. Der Marathon ist noch nicht zu Ende. Udo Badelt

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