SONNTAGS um zehn : Großer Andrang bei Hiob und Bach

Sonntagsmatinee mit Ulrich Matthes in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem

Heidemarie Mazuhn

Die große Zahl parkender Autos und Fahrräder rings um die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem lässt verspätete Kirchgänger gestern Vormittag ahnungsvoll einen Schritt schneller zu dem evangelischen Gotteshaus in der Hittorfstraße eilen. Es nutzt ihnen nicht mehr viel. Kurz vor 11 Uhr geht dort nichts mehr – im Kirchenschiff, im davor befindlichen Café und auf der Empore ist auch der letzte von irgendwoher herbeigezauberte Hocker oder Stuhl besetzt. Viele müssen stehen, aber niemand geht.

Die gutbürgerliche Gemeinde ab mittlerem Alter aufwärts hat sich zusammengefunden, um vor allem etwas zu hören. Und bekommt einiges geboten – an der Orgel Ulrich Eckhardt, den langjährigen Intendanten der Berliner Festspiele, der in der gestrigen Folge der Sommerlesungsreihe „Bibel & Bach“ der Jesus-Christus-Kirche Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 spielt. Vor allem aber kann man auch in der hintersten Ecke den Vorleser hören – Ulrich Matthes.

Am Altar, den an diesem Sonntag viele in der überfüllten Kirche gar nicht zu sehen bekommen, liest der Schauspieler die Kapitel 8-14 aus dem Buch Hiob. Er tut dies sehr verständlich und akzentuiert – man merkt, dass sich der Vorleser mit dem Text auseinandergesetzt hat. Eindringliche und zum Nachdenken anregende Sätze wie „Unsere Tage sind ein Schatten auf dieser Erde“ oder „Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen sind und Wunder, die nicht zu zählen sind“, heißt es in den vorgetragenen Kapiteln des Textes, der zwischen 500 und 300 vor Christus entstand und zur Weltliteratur zählt.

Die Sonntagsmatinee in der Jesus-Christus-Kirche endet an diesem Sonntag nicht mit einem Gebet, sondern mit einer frommen Tat. Nachdem der letzte Orgelton verklungen ist, werden Spendenkörbchen herumgereicht, die am Ende randvoll gefüllt sind – nicht wie in vielen Gottesdiensten üblich mit Münzen, sondern mit höherwertigen Banknoten. Die Geldspenden sollen leukämiekranken Kindern helfen. Heidemarie Mazuhn

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