Berlin : Sonntags um zehn: Kreuze aus Patronenhülsen

Alexander Pajevic

Wussten Sie es schon? Sie erleben gerade die "Dekade zur Überwindung der Gewalt". Ausgerufen wurde sie gestern in der Gedächtniskirche, in der sich viele hundert Delegierte des internationalen Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zu einem Eröffnungsgottesdienst trafen. Und es begann sinnigerweise mit einem multikulturellem Auftakt - im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Afrikaner trommelte einen Wirbel, wonach der hiesige Bischof Wolfgang Huber an die Worte der Bergpredigt erinnerte. In dieser Fasson wurde dann im Verlauf des Gottesdienstes immer wieder in mannigfaltiger Weise in Wort und Ton das Bekenntnis zu Frieden und Versöhnung abgelegt.

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Friedensbotschaft Jesu ohnehin im Mittelpunkt des christlichen Glaubens stehen sollte, aber die Interpretationen sind vielfältig - ein Satiriker hatte schon vor geraumer Zeit bemerkt, es handele sich bei dem Gebot "Du sollst nicht töten" ja auch nicht um Verbot, sondern mehr um ein Empfehlung. Und Gewaltlosigkeit, so wie sie auf dem Gottesdienst propagiert wurde, tut wohl niemandem weh, aber mehr wäre vielleicht auch zu viel verlangt. Denn schließlich handelte es sich um eine Veranstaltung, an der mehr als 300 Mitgliedskirchen aus mehr als 100 Ländern und noch viel mehr Kulturen beteiligt waren. Selbst auf der vorangegangenen, einwöchigen Tagung des ÖKR in Potsdam hatte man sich in der Frage der Gewalt nicht einig werden können. Tatsächlich hatte der Vorsitzende Aram I aus dem Libanon einigen Unmut erregt, als er mit Hinblick auf die Situation der Palästinenser die These vertrat, dass Gewalt unter bestimmten Umständen "akzeptabel und sogar notwendig" sei.

Und so bleibt es wohl ein Kreuz mit der Gewalt, wie sich auch noch im Gottesdienst zeigen sollte. Nachdem schon vor Beginn die staatliche Gewalt misstrauisch zwei Demonstranten beobachtete, die mit kryptischen Plakaten die Delegierten vom Unrecht der ganzen Veranstaltung überzeugen wollten, gelang es doch einem Mann, sich vor die Fernsehkameras zu drängeln. "Lest mal in der Offenbarung nach", rief er: "Es ist nicht des Herren Wille, was hier vorgeht!"

Was tun? Schließlich eilten einige Kirchenmänner und -frauen nach vorne, griffen dem Mann unter die Arme und schoben ihn mit vielleicht sogar etwas mehr als sanfter Gewalt in Richtung Ausgang. Ein Super-GAU - ausgerechnet, als fünf Christenmenschen sich zu einem gewaltfreien Leben verpflichten wollten. Darunter war auch ein ehemaligen liberianischer Rebellenkämpfer, der berichtete, wie er der Gewalt abgeschworen und begonnen hatte, Kreuze aus Patronenhülsen zu schmieden. Zum Abschluss wurden diese eindringlichen, weil ja irgendwie doch ambivalenten, Objekte an die Gottesdienstbesucher verteilt, so dass sich nun ein jeder Besucher dann doch das Nebeneinander von Krieg und Frieden auf den eigenen Schreibtisch zur Mahnung stellen konnte.

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