SONNTAGS um zehn : Nur Wasser und Brot

Aschekreuze in Wedding: der erste Fastensonntag in Sankt Sebastian

G,a Bartels

Ganz schön überraschend, den Kirchturm von St. Sebastian so spitz in den Himmel pieksen zu sehen, wenn man von der Bernauer Straße kommend die Ackerstraße entlang läuft. Rings herum erstrecken sich langweilige Betonwürfel aus den siebziger Jahren. Und nur der neogotische Sakralbau am Gartenplatz und das gegenüber liegende Backsteingebäude der Technischen Universität sind Vorkriegsware. Doch das stimmt nicht ganz: Zwar wurde die imposante katholische Kirche bereits 1893 eingeweiht, brannte aber 1943 nieder. Nur wenige Tage nachdem von hier aus der beim Transport ins KZ gestorbene Domprobst Bernhard Lichtenberg mit einem Riesentrauerzug zu Grabe getragen wurde, schlugen Brandbomben in das Gotteshaus ein. Die umliegenden Feuerwehren durften nicht löschen. 1946 begann dann der Wiederaufbau der Sandsteinkirche.

Drinnen scheint die Sonne durch die bunt verglasten Giebelrosetten rechts und links vom weiten Altarraum. In den Seitenkapellen fesseln Holzskulpturen den Blick, und 600 Sitzplätze laden zu entspannter Platzauswahl ein. Schade nur, dass die Gemeinde beim Singen am ersten Fastensonntag trotz so viel Raum zum Atmen ganz verzagt klingt.

In der knappen Fastenpredigt von Pater Petar Cirko geht es um die 40 der Umkehr und Buße gewidmeten Tage von Aschermittwoch bis Ostern, die auch das Austeilen der Aschekreuze am Ende der Messe symbolisiert. Schuldig sei jeder, denn jeder lasse es der Familie, Freunden oder Arbeitskollegen gegenüber an Liebe fehlen, meint der Leiter der hier ansässigen Kroatischen Mission in Berlin. Und dann legt er Jesu’ Versuchung während seiner 40-tägigen Läuterung in der Wüste als „messianische Wende“ aus. Der Teufel bietet Jesus vergeblich göttliche Unverwundbarkeit und weltliche Macht an, zitiert Petar Circo das Matthäus-Evangelium. Der aber entscheide sich im Dienst Gottes für die Seite der Armen und Machtlosen und überwinde so den Graben zwischen Gott und Kreatur.

Seit vier Jahren lebt der freundliche Franziskaner aus Split jetzt in der Stadt, erzählt er in der Sakristei. Wird die Fastenzeit in Kroatien anders begangen? „Was religiöse Bräuche angeht, also auf bestimmte Speisen zu verzichten, auf jeden Fall“, sagt Pater Petar, „aber die Deutschen sind besser darin, das so Gesparte dann auch als Geldspende weiterzugeben“. Für ihn selbst heißt es bis Ostern: kein Fleisch, kein Wein, kein Käse und mittwochs und freitags nur Wasser und Brot. Gunda Bartels

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