Berlin : Sonntags um Zehn: Vom Mauerstreifen ins Pilger-Abenteuer

Jörg-Peter Rau

Sie wurden auch schon mal gefragt, ob sie das für Geld machen. Mit dem Begriff Wallfahrt können eben viele nichts mehr anfangen. Aber die 42 Männer und Frauen, die sich am Sonntag in der katholischen Kirche St. Michael in Kreuzberg trafen, wissen ganz genau, was sie wollen: innerhalb einer Woche das Hungertuch nach München bringen, dabei beten - und das Gespräch mit Bekanntschaften von unterwegs suchen. Und wenn die dann Fragen stellen, die zeigen, dass sie gar nichts begriffen haben, ist das auch nicht weiter schlimm. Denn "oft genug ernten wir große Zustimmung und echten Respekt", sagt Peter Koch aus Hannover, der seit der ersten Aktion im Jahr 1986 dabei ist.

Im Aussendungsgottesdienst in der Betonkirche direkt am Mauerstreifen in der Waldemarstraße erklärt Heiner Gysar in der Predigt, was das diesjährige Hungertuch auszeichnet. Die Aktion des katholischen Hilfswerkes Misereor gibt es seit 1976 und knüpft an einen fast tausendjährigen Brauch an: In der Kirche aufgehängt, soll es während der 40-tägigen Fastenzeit den Blick der Gemeinde darauf lenken, dass es ums Übergeordnete geht. Darum werden neuzeitliche Hungertücher oft von Künstlern aus armen Ländern gestaltet. Sie haben einen politischen wie religiösen Hintergrund.

Auf dem diesjährigen Hungertuch sind drei mal drei mal vier Köpfe zu sehen; die drei Teile des Bildes werden durch ein blaues diagonales Kreuz verbunden. Blau, sagt Gysar, ist in Togo, der Heimat des Künstlers El Loko die Farbe des Lebens. Die verschiedenen Bedeutungsschichten verbindet er mit Passagen aus der Lesung (Jesaja 58,7-10), wo es heißt: "Brich dem Hungrigen das Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus." Während es hier um soziale Verantwortung geht, liefert das Evangelium (Matthäus 5,13-16) noch darüber hinaus die Begründung beispielsweise für eine Wallfahrt mit dem Hungertuch: "Ihr seid das Salz der Erde. [...] Ihr seid das Licht der Welt."

Wer eine Woche lang mit dem Hungertuch durch Deutschland zieht, ist also nicht von einer anderen Welt, das ist die zentrale Aussage von Heiner Gysar. Den Katholiken in St. Michael braucht er das nicht zu sagen. Aber heute und morgen geht es durch Berlin und Brandenburg, da werden die Pilger Aufklärungsarbeit leisten müssen. Nach der Busfahrt gen Nürnberg geht es per Stafette Tag und Nacht von Mittwoch bis Sonntag nach München, wo die Misereor-Fastenaktion eröffnet wird.

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