Berlin : Sonntags um Zehn: Wer ist dieser Gottesknecht?

Jörg-Peter Rau

Auf der Auguste-Viktoria-Allee liegen die Weihnachtsbaumskelette. Die Reinickendorfer Segenskirche ist nicht mehr so voll wie an den Weihnachtstagen, und auch für Pfarrerin Stephanie Waetzoldt ist der Alltag eingekehrt. 17 Besucher verteilen sich in der schlichten Kirche mit ihrem zeltartigen Sichtbeton-Dach aus dem Jahr 1986: Ältere Frauen und Männer sowie drei Jugendliche, denen offenbar die Konfirmation bevorsteht. Doch auch vor der kleinen Gemeinde gibt sich die Pfarrerin alle Mühe, den weihnachtlichen Geist noch einmal heraufzubeschwören und die Friedensbotschaft der Engel mit dem Predigttext zu verknüpfen. Es geht um die Stelle beim Propheten Jesaja (42,1-7), in der er den "Knecht Gottes" charakterisiert. "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen", heißt es darin. Pfarrerin Waetzoldt interpretiert den Text aus der Zeit seiner Entstehung, der babylonischen Gefangenschaft des Volkes Israel: Aus der Unterdrückung strahlt die Vision des Jesaja hervor wie der Gesang der Engel über Bethlehem, Jesaja formuliert ein Frieden stiftendes Programm und einen Anspruch an die, die guten Willens sind. "Ein Hoffnungssignal für bedrohte Menschen und Völker" sei der Text, er wolle "den Glauben daran stärken, dass Gott die Welt anders gedacht hat als sie ist." Doch Pfarrerin Waetzoldt geht einen Schritt weiter. "Wer ist dieser Gottesknecht?", fragt sie und bietet mehrere Lesarten an. Jesaja selbst, das ganze Volk Israel, der verheißene Erlöser? Alles nicht falsch, sagt sie, doch die "Mitarbeiter Gottes" sind vor allem die, die seine Gemeinde ausmachen. "Der Gesang der Engel kann durch uns ein kräftiges Echo bekommen", sagt sie zum Ende der Predigt vor ihrer kleinen Gemeinde. Da hätte sie gut noch einen Querverweis auf den Lesungs- und den Evangelientext dieses Sonntags einfügen können, denn alle drei Texte sprechen das an, was man "Christliches Profil" nennen könnte. Im Römerbrief (Paulus 12,1-2) geht es um das Zusammenspiel von gläubiger Hingabe und vernünftigem Glauben; das Evangelium von der Taufe Christi (Matthäus 3,13-17) bietet über die Erzählung einer biographischen Station hinaus Anlass zum Nachdenken über das Wesen des Heiligen Geistes, den Johannes "wie eine Taube herabfahren und über sich kommen" erlebt.

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