Berlin : Sonntags um Zehn: Zeit zu schaffen und Zeit zu ruhen

hema

Die gestern anfangs so verheißungsvoll scheinende Herbstsonne lockte schon morgens viele Spaziergänger und Jogger in den Volkspark Friedrichshain. Nicht ganz so viele folgten dann dem Ruf der Glocken der unmittelbar daneben gelegenen St.-Bartholomäus-Kirche zum sonntäglichen Gottesdienst. Der Backsteinbau entstand 1858 auf dem ehemaligen Weinberg, am Königstor, nach Entwürfen von Friedrich August Stüler. Zu dessen 200. Geburtstag im vergangenen Jahr wurde St. Bartholomäus restauriert und grundlegend instand gesetzt. Restauriert sind auch gegenüber in der Otto-Braun-Straße die hohen Plattenbauten made in DDR. Ob von dort jemand den Gottesdienst besuchte, blieb offen - aber eines war erstaunlich: Die knapp 50 Kirchgänger vom Kindes- bis zum Rentenalter sangen lauthals alle mit, was ihnen Kantor Wolfgang Fischer auf dem Harmonium anstimmte. Die in diesem Jahr sanierte und 1965 eingebaute Schuke-Orgel hatte Pause - die Gemeinde, zu der gestern auch Mitglieder der Immanuelkirche gehörten, haben schon ihre so genannte Winterkirche im Vorraum von St. Bartholomäus bezogen. Der ist durch Glas vom Kirchenschiff getrennt und dadurch sparsam und besser zu erwärmen. Mit Sonnenblumen, Hagebutten und Kerzen war das Provisorium freundlich gestaltet, und durch das Glas schweifte der Blick ungehindert bis zu den Altarfenstern. Über den Wechsel zur Winterzeit in der Nacht zuvor kam die Pfarrerin Esther Ullmann-Goertz, die gestern anstelle ihres Mann in dessen Bartholomäus-Gemeinde predigte, auf die göttliche Ordnung und die Bewahrung der Schöpfung zu sprechen. Saat und Ernte gehören zur göttlichen Ordnung, auch Sommer und Winter. Und auch der Sonntag. Ohne Sonntag gibt es nur Werktage, erinnerte die Theologin, die sonst im familienpolitischen Verband der Evangelischen Kirche arbeitet, daran, was diese in der "heißen Phase" der Disskussion zu verlängerten Ladenöffnungszeiten geäußert hatte. An welche Ordnung können wir uns halten, fragte sie und schlug in ihrer Predigt einen weiten Bogen auch zu der durch Terror gestörten Ordnung der Völker untereinander und vermochte sogar die jüngste Wahl einzubeziehen. Berlin brauche eine Perspektive und keine Partei, die an die Macht will, sagte die Theologin. Das wird ihrem Vater gefallen haben, der gestern zuhörte und zum Abschluss des Gottesdienstes kräftig das Glaubenslied mitsang, das Kantor Fischer in einem alten sächsischen Gesangsbuch entdeckt hatte. Ist Wolfgang Ullmann doch nicht nur als Theologe und gebürtiger Sachse, sondern auch als Bürgerrechtler und Mitbegründer des Bündnis 90 bekannt.

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