Sonntags um zehn : Zeremonie auf der Radrennbahn

Ein buddhistischer Orden lädt zum Gebet ins Velodrom und mehr als 2000 Gläubige verfolgen die Veranstaltung.

Benjamin Lassiwe
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Flammenwerferin.

Das Velodrom war in violettes Licht getaucht. Wo sonst Sechstagerennen und Konzerte stattfinden, stand am Sonntagnachmittag ein Altar. Der buddhistische Orden „Shinnyo-En“ hatte seine Anhänger aus der ganzen Welt zu einer „Shaisho-Goma-Zeremonie“ nach Prenzlauer Berg geladen, einem Gebet „für das friedvolle Miteinander aller Menschen und die gemeinsame Verwirklichung einer harmonischen Welt“.

Nacheinander begannen Chöre vor etwa 2000 Gläubigen – die Veranstalter sprachen gar von 3800 Gästen – aus den unterschiedlichsten Religionen zu singen: Gregorianische Gesänge auf Latein, hebräische Texte aus dem Judentum, islamische Musik auf türkisch und Mendelssohns „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ auf Deutsch. Dann begann die Zeremonie: Japanische Trommeln, Klangschalen und Glocken erklangen, Videoprojektoren warfen Götterbilder auf die Radsportbahn. Und in einer Prozession zogen orange gekleidete Mönche über eine Art Laufsteg zum Altar.

Buddhistischer Orden als neuer Zugang zum Katholizismus

Mit dabei war auch Shinso-Ito, eine 67-jährige Japanerin. Sie ist das geistliche Oberhaupt der Shinnyo-En-Bewegung. Ihr geht es darum, „eine Botschaft von Vertrauen und freundschaftlicher Liebe in die Welt zu senden“, gerade in Berlin, dem Ort, „wo vor 20 Jahren der eiserne Vorhang fiel“. Vor dem Altar kniete sie nieder, und die Mönche begannen, buddhistische Gebete zu rezitieren. „Noi hang sing joi hei fing gang“, rhythmisch gesprochene Silben und Wortfetzen drangen an die Ohren derer, die die japanische Sprache nicht beherrschen. Übersetzungen gab es nicht. Wie auf Kommando verneigten sich die Menschen in der Halle, als Shinso-Ito ein Feuer entzündete. Es symbolisiert die Weisheit Buddhas, hieß es im Programmheft. Claudia Niedermeyer wusste das schon vorher. Die Bayerin gehört zu den eine Million Gläubigen, die der „Shinnyo-En“-Orden weltweit hat. „Mir ist es wichtig, dass sich Shinnyo-En für die Versöhnung der Religionen weltweit einsetzt“, sagt Niedermeyer. Sie selbst sieht sich als katholisches Kirchenmitglied, nimmt aber regelmäßig an den Zeremonien des buddhistischen Ordens teil. „Shinnyo-En sagt, wir sollen die Religion unserer Ahnen ehren“, sagt sie. „Damit hat mir der Orden einen völlig neuen Zugang zur katholischen Kirche geöffnet.“

Im Velodrom ist die Zeremonie mittlerweile auf ihrem Höhepunkt. Mit Rasseln und Trommeln beten die Buddhisten für den Frieden, in einem Wasserbecken schwimmende Kerzen sollen ein „Symbol für die Erlösung der Seelen der Menschen“ darstellen. Schließlich ermutigen die Buddhisten ihre Anhänger zu einem Engagement für die Gesellschaft: Ein von „Shinnyo-En“ organisierter Chor der Neuköllner Sonnen-Grundschule tritt im Velodrom auf und begeistert die Besucher. Die überwiegend türkischen Schüler sind für den Orden Hoffnungsträger – durch den Chor sollen sie erfahren, dass „Menschen unterschiedlichster Religion und Herkunft in Freundschaft verbunden sein können“.

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