Berlin : Sophias Entführer: Vollbart, dunkles Haar und Raucher

Jörn Hasselmann

Die Polizei hat gestern eine erste Beschreibung des Täters und der Wohnung veröffentlicht, in der die neunjährige Sophia gefangen gehalten worden sein soll. Nach der Beschreibung des Mädchens soll der Entführer 25 bis 40 Jahre alt und "schlank bis dünn" sein. Er hat dunkles, welliges Haar, einen dünneren Vollbart und ist Raucher. Sophia sagte ferner aus, sie sei in einem Mehrfamilienhaus - möglicherweise einem Plattenbau mit einem großen Parkplatz daneben - im Bereich Marzahn, Hohenschönhausen, Hellersdorf festgehalten worden. Ein Phantombild konnten die Beamten aber nicht mit Sophia von dem Entführer am Computer erstellen. "Sophia kann das nicht", bedauerte Chefermittler Manfred Vogt. Am Alter liege das aber nicht, sagte Vogt, "manche Menschen können das einfach nicht".

Dafür beschrieb die Neunjährige die Wohnung und das Haus, in dem sie festgehalten wurde, sehr genau. Die verglaste Hauseingangstür habe einen roten Rahmen und einen roten Mittelsteg mit Glaseinsätzen oben und unten. Die Hausnummer war beleuchtet und neben der Tür gab es ein breiteres Klingelbrett. Der Entführer habe sie dort in eine Einzimmerwohnung mit Küche, Bad und Flur gebracht, die sie erst am Montagmorgen wieder verlassen konnte. Das vom Täter benutzte dunkel lackierte Fahrzeug hat vermutlich zwei Türen und gibt beim Rückwärtsfahren einen Signalton ab.

Mit dieser Beschreibung klapperten gestern alle Streifenpolizisten der Direktion 7 die drei Bezirke ab. In jedem Haus mit roter Glastür wurden Hausbewohner befragt. Über die Wohnung hat das Mädchen durch die viertägige Gefangennahme sehr viele Details berichtet. "Wenn wir in eine Wohnung reinkommen, wissen wir sofort, ob wir in der richtigen sind", sagte Manfred Vogt dem Tagesspiegel. Aus der Bevölkerung sind bei der Sonderkommission über 100 Hinweise eingegangen - aber trotz der detaillierten Berichte des Mädchens haben die 30 Ermittler der Soko "Sophia" keine heiße Spur. Noch stammen alle Erkenntnisse aus der Befragung des Mädchens von Montagabend, das dreistündige Gespräch von gestern ist noch nicht ausgewertet.

Wie gestern berichtet, konnte die Kripo am Dienstag nicht mit dem Mädchen sprechen, weil es von Fernsehteams in Beschlag genommen worden war. Erst nachdem der Leiter der Direktion 7, Michael Knape, mit dem Vater von Sophia - einem Polizisten des Abschnitts 71 - "Tacheles" geredet hat, dämpfte die Familie den Medienrummel um ihre Tochter. Mit Verbitterung musste die Mordkommission mit ansehen, dass die Eltern am Tag der Befreiung mit Sophia eine Party feierten - und zwar bis nachts um 2 Uhr. "Am Dienstag war sie völlig durch den Wind", sagte ein Ermittler. "Das war chaotisch." Erst am gestrigen Mittwoch konnten drei Beamtinnen im Hause der Eltern das Mädchen drei Stunden befragen, und das "abgeschirmt von den Eltern", wie Vogt, der Leiter der 4. Mordkommission, betonte. In diesem langen Gespräch sei Sophia "in der Tendenz bei ihrer Aussage geblieben".

Dennoch bleiben viele Rätsel und Fragen, die viele Beamte mittlerweile offen ansprechen. Mit Verwunderung wird in der Polizei besonders die Rolle der Medien betrachtet. "Privatsender haben recht hohe Beträge angeboten", hieß es bei der Kripo. Mehrmals sei Vater Wendt schon vor dem Donnerwetter seines Chefs Knape darauf hingewiesen worden, wie unsensibel die Familie vorgehe. Die Polizei rätselt, wieso der Täter das Kind in der Nähe des Tatorts und seiner eigenen Wohnung und zudem in der Nähe eines Polizeiabschnitts freigelassen hat. In einem fremden Bezirk, wäre das Risiko, dass ein Passant ihn selbst oder das Mädchen erkennt, viel geringer gewesen. Noch habe man aber nur die Aussage des Kindes. "Und die können wir nicht widerlegen", sagte ein Ermittler. Viele erfahrene Kriminalisten hätten ihre Zweifel, ist zu hören.

Die Fahnder sind besonders an einem Mann interessiert, der am Wochenende ein Kind in der Wohnung hatte, das vorher dort noch nicht gesehen wurde. Mit Spannung

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