Berlin : Soziale und frugale Gerechtigkeiten

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem politischen Haustier Wir sitzen beim Essen. Es gibt Ölsardinen mit Toast, Safranrisotto und gebackene Sellerieschnitten. Ein frugales Mahl, dem sonnigen Tag angemessen. Für ebenso passend halte ich den Viognier 2002 aus dem Rhônetal. Frau Hoffmann sitzt, wie immer, mit am Tisch. Wir unterhalten uns über die Chancen, die Lafontaine und Gysi beim Wahlvolk haben. „Sie versprechen soziale Gerechtigkeit. Das ist doch Schwachsinn!“ „Wieso ist das Schwachsinn? Sie ist das höchste Gut der Menschheit!“, protestiere ich. „Ich dachte, das wären eure Autos.“ Frau Hoffmann stemmt sich auf ihren Beinen hoch, macht einen Buckel und legt sich wieder hin. „Bist wohl ein Altachtundsechziger, wie?“ Da ich gerade ein Stück Sellerie im Mund habe, das mit einem Schluck Wein heruntergespült werden muss, kann ich auf ihre Unterstellung nicht reagieren. Stattdessen redet sie weiter: „Wo war denn die soziale Gerechtigkeit, als Noah die Tiere in seinen Kahn lud? Von jeder Spezies nur ein Paar. Den Rest ließ er ersaufen. Eine schöne Gerechtigkeit ist das!“

„Es war wohl nicht genug Platz für alle!“

„Außerdem hat er zwei Hunde mit an Bord genommen. An deren Stelle hätten hundert Mäuse mitfahren können.“

„Genau dafür kämpfen Lafontaine und Gysi: Mehr Mäuse für alle. Das muss doch in deinem Sinne sein!“

„Bist du verrückt? Mäuse für alle ist eine verhängnisvolle Utopie. Mäuse sind den Katzen vorbehalten. Das ist ein Naturgesetz! Wer daran rüttelt, versündigt sich.“

„Und was sagen die Wölfe dazu? Die lieben Mäuse ebenso wie du.“

„Das sind unangenehme Minderheiten, die ihre Extravaganzen auf Kosten der Allgemeinheit ausleben wollen. Warum fressen sie keine Fische wie die Bären?“ Sie wirft einen lüsternen Blick auf die Ölsardinen

„Weil sie keine Bären sind!“

„Ich bin auch kein Bär. Trotzdem fresse ich von Zeit zu Zeit gern ein Fischlein.“ Sie reckt ihren Hals und fixiert die Ölsardinen so aufdringlich, dass ich sie an die Hausordnung erinnern muss, wonach am Tisch nicht um Futter gebettelt werden darf. Dann zeige ich auf die weit geöffnete Terrassentür: „Da hinten im Garten habe ich heute Morgen wieder den kleinen, dünnen Kater gesehen, der offenbar keinen festen Wohnsitz hat. Der weiß bestimmt nicht einmal, wie Ölsardinen überhaupt schmecken. Und du wirst von Tag zu Tag dicker von all den Delikatessen, die du frisst. Wo bleibt da die soziale Gerechtigkeit?“ – „Gibt es nicht. Habe ich doch gesagt. Eine Illusion.“

„Na, wenn sich das herumspricht, haben Gysi/Lafontaine keine großen Chancen.“ –„Ach, die, die werden doch nur von proletarisierten Kindesmör…“

Ich habe ihr eine Ölsardine zugeworfen, ein krasser Verstoß gegen unsere Tischordnung. Aber wie hätte ich sie zum Schweigen bringen und verhindern können, dass morgen früh ein paar Lauschangreifer vor der Tür stehen? Diese Schlapphüte haben todsicher ein paar dünne Kater unter Vertrag, die ihnen jedes gemaunzte Wort übersetzen. Denn auch wenn bei uns die soziale Gerechtigkeit noch nicht voll entwickelt ist, Denunzianten gibt es schon lange. Oder, wie es politisch korrekt heißen muss, Denunzianten und Denunziantinnen. „Das ist ja so“, hat Frau Hoffmann einmal diese populistische Heuchelei kommentiert, „als würde der Wolf zwischen Kater und Kätzin unterscheiden. Dass er im Wahlkampf Kreide frisst, ist schon lächerlich genug.“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Und ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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