• Sozialhilfe in Berlin und Brandenburg: Zwei Sozialhelfer kümmern sich um Obdachlose in S-Bahnen

Sozialhilfe in Berlin und Brandenburg : Zwei Sozialhelfer kümmern sich um Obdachlose in S-Bahnen

Seit vier Monaten sind die zwei mobilen Einzelfallhilfen unterwegs. Ihre Arbeit ist nicht immer einfach und hilft nur bis zum einem gewissen Grad.

Nora Noll
Die mobilen Einzelfallhelfer Wilhelm Nadolny (r) und Sascha Sträßer sind in den Berliner S-Bahnen unterwegs.
Die mobilen Einzelfallhelfer Wilhelm Nadolny (r) und Sascha Sträßer sind in den Berliner S-Bahnen unterwegs.Foto: Rainer Jensen/dpa

Zu Morgenstunden überfüllt und ein bisschen schwitzig, nachts ein Sammelpunkt beglückt-besoffener Menschen - S-Bahnfahrten können anstrengend oder amüsant sein, für einige sind sie mehr als nur ein Transportmittel. Für manchen Obdachlosen bietet eine Zugfahrt auch ein Dach überm Kopf, zuweilen wird der Wagen zum Schlafzimmer. Nun hat die S-Bahn in Kooperation mit der Berliner Stadtmission zwei Sozialhelfer angestellt, die sich in Zusammenarbeit mit den Ordnungskräften der S-Bahn um die Gestrandeten kümmern sollen.

Im Interesse der Bahn

Seit Januar läuft die Initiative, die S-Bahn finanziert mit 65 000 Euro zwei mobile Einzelfallhilfen. Sascha Sträßer und Wilhelm Nadolny heißen die beiden Sozialarbeiter, die nun ihren Arbeitsbereich in den Zug verlegt haben. Das bedeute aber nicht, dass die beiden von morgens bis abends in der Ringbahn sitzen, sagt Dieter Puhl, Projekt-Koordinator der Stadtmission. Meist gingen sie Hinweisen von S-Bahn-Mitarbeitern nach. Deren Interesse besteht erstmal darin, dass die Bahn nicht zur Notunterkunft wird. Dafür hat Puhl Verständnis: "Obdachlosigkeit ist kein Problem, für das die Bahn zuständig ist." Er bemängelt, dass es ab März, wenn die Kältehilfeeinrichtungen geschlossen haben, einfach zu wenige Notübernachtungsplätze gebe.

Gleichzeitig sind die Menschen, um die sich Sträßer und Nadolny hauptsächlich kümmern, oft nicht in der Lage, sich eigenständig Hilfe zu suchen. "Wir haben es mit psychisch kranken, körperlich stark beeinträchtigten Leuten zu tun", erklärt Puhl, "sonst würden sie – wie die Mehrzahl aller obdachlosen Menschen – gar nicht als solche auffallen". Die Extremfälle also, die in Decken gewickelt einen Viererplatz belegen, oft streng riechen und durch geschwollene "Elefantenfüße" manchmal nicht einmal richtig laufen können.

Viel Zeit für wenige Menschen

Um sie zu erreichen, braucht es Zeit. Anna-Sofie Gerth, Sozialarbeiterin der Stadtmission und auch in der Einzelfallhilfe tätig, weiß, wie sie Vertrauen aufbaut: "Ich bringe viel Zeit und Kaffee mit, und wir kommen irgendwann ins Gespräch." Erst dann könne die wirkliche Hilfe ansetzen: Begleitung zu Ämtern oder zum Arzt, die Ansprechperson wird zum Antriebsfaktor. Bei langjährigen Obdachlosen gibt es viele offene Baustellen, allein der Weg zu einem gültigen Personalausweis sei aufwendig, erzählt Gerth.

Diese Zeit nehmen sich auch die S-Bahn-Helfer. Sie betreuen nicht mehr als vier Personen gleichzeitig. Puhl weiß, dass diese Arbeit nur einen kleinen Bedarf abdeckt. Aber auch das zählt für ihn: "Wenn wir in einem Jahr 20 Menschen in Hilfseinrichtungen oder Wohnungen untergebracht haben, bin ich stolz!" Und stolz erzählt er von Marianne, einer älteren obdachlosen Frau, die mit Nadolnys Begleitung neuen Lebensdrang fand. Mit ihrem ersten Sozialhilfegeld kaufte sie dem Sozialarbeiter Blumen.

Puhl hofft, das Projekt weiter ausbauen zu können, die Kooperation mit der S-Bahn läuft zunächst ein Jahr lang. Dann wird sich zeigen, ob auch der S-Bahn die Hilfe im kleinen Rahmen das Geld wert ist.

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