Berlin : Spannung erwünscht

Mutige Innenarchitektur in traditionsreichen Siemenshöfen: Das Mövenpick-Hotel am Anhalter Bahnhof öffnet Ende März

Lothar Heinke

Das nächste Hotel, bitte! Schon vor seiner Eröffnung Ende März bezeichnet sich die Herberge in dem markanten historischen Gebäude gegenüber der Rest-Fassade des Anhalter Bahnhofs als das Flaggschiff der 13 deutschen Häuser des Schweizer „Mövenpick“-Konzerns. Und das Haus in der Schöneberger Straße ist ein Muster dafür, wie das Moderne hinter einer denkmalgeschützten Hülle glänzen kann. 90 Jahre alt sind die „Siemenshöfe“. Zuletzt befand sich in dem quadratischen Häuserblock mit seinen vier Innenhöfen nahe dem Askanischen Platz ein Finanzamt. Vorher war dies der Hauptsitz von Siemens. Stuckverzierte Kassettendecke, Säulen, vergoldete Kapitelle und eine mehrfach gepolsterte „Flüstertür“ aus dunklem italienischen Nussbaum sind Zeugen einer lange vergangenen Zeit, die hier bewahrt wird, ja, konserviert scheint und auf die Siemens-Manager von heute wartet.

Ansonsten ist fast alles modern und bunt im ersten Berliner Mövenpick-Hotel – die Schweizer Architekten Pia Schmid und Karsten Schmidt-Hoensdorf wollen durch Kontraste Spannung erzeugen. Der Tresen an der Rezeption wird von einem schrägen Stahlpfeiler durchzogen. Eine Art Steg führt den Gast durch mehrere Innenhöfe. Im „Gastronomiehof“ liegt das Restaurant unter einem gläsernen Schiebedach, im „Hof der Stille“ kann man durch „Wasserlinsen“ – in den Boden eingelassene Oberlichter – ins Kellergeschoss mit Konferenzräumen und Wellnessbereich blicken; der „Hof der Wildnis“ ist mit Kletterpflanzen, Lichtskulpturen und Sitzgelegenheiten ausgestattet. Es gibt eine Feuer- und eine Wasserwand, die Elemente toben sich aus. Neben dem Hoteleingang soll die „Anhalterbar“ Tag- und Nachtschwärmer locken und bald zu den zehn besten Bars der Stadt gehören. Gläserne beleuchtete Isolatoren von Hochspannungsmasten stützen den langen Tresen, der Architekt wird poetisch, wenn er sein Werk erklärt: „Die Bar erinnert an die Fragilität einer Nachtschönheit und steht im Kontrast zum Industriebelag des Bodens aus auberginefarbenen Platten. Der Raum wirkt in seinem Nachtblau wie eine Schachtel, in der auch die Sitzmöbel Körper ähneln, die eine schwebende Wirkung erzeugen“. Schweizer Produkte gibt es in einer „Swiss Factory“, Snacks und Salate in der „FabriQ“. Der Sinn von solch Buchstaben- und Sprachgebilden erklärt sich so: „Fabri“ soll an den Industriecharakter des Hauses erinnern, das angehängte „Q“ steht für die Schweizer Kuh. Muh. Designerkunst!?

Über all dem liegen die Zimmer, 243 inklusive 21 Juniorsuiten und 17 Atelierzimmer unterm abgeschrägten Dach. Üppige Farben und Stoffe machen die Räume bunt, Olivenholz gibt den Möbeln etwas Kraftvolles. Sagt der Architekt: „Das Olivenholz steht für Sinnlichkeit, zeichnet sehr stark und riecht nach mediterranen Gefühlen und Ferien“. Wem das nicht reicht, sollte sich ein Atelierzimmer unterm Dach mieten – da stehen Designerwannen mitten im Raum und man blickt aus Badeschaum direkt auf Sterne.

Mövenpick hat 50 Hotels in 16 Ländern, diese internationale Vernetzung verschafft dem neuen 4-Sterne-plus-Hotel globale Aufmerksamkeit. Welch einen Kundenkreis hat man angesichts des Überangebots an Betten in Berlin im Visier? Siemens’ Kunden (wegen der emotionalen Bindung und Tradition), Firmen, Schweizer Eidgenossen, Botschaftsgäste, Diplomaten, Besucher der Regierung, Urlauber und Städtetouristen aus aller Welt. Für das Standardzimmer zahlt der Gast ab 99 Euro, die Nacht neben (oder in) der freistehenden Badewanne kostet 30 Euro mehr.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben