Spendenaktion für Sri Lanka in Berlin : Zehn Jahre nach dem Tsunami

Viele Menschen spendeten vor zehn Jahren für Sri Lanka, auch viele Tagesspiegel-Leser. Auf einer Veranstaltung von GIZ und Tagesspiegel wurde besprochen, wohin damals staatliche und private Hilfe floss und was sie bewirkte.

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Wolfgang Jamann, Ingrid Müller, Ulrike Scheffer, Wolfgang Hannig und Esther Schweins (v.l.)
Wolfgang Jamann, Ingrid Müller, Ulrike Scheffer, Wolfgang Hannig und Esther Schweins (v.l.)Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In einem Monat jährt sich die Tsunami-Katastrophe in Südostasien zum zehnten Mal. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 löste ein Seebeben vor der Küste Sumatras eine Reihe verheerender Tsunamis aus, die an den Küsten rund um den Indischen Ozean schwerwiegende Folgen hatten: 230.000 Menschen starben, 1,7 Millionen Menschen wurden obdachlos.

Die Bundesregierung schnürte ein Rettungspaket für langfristige Wiederaufbauprojekte in Höhe von 500 Millionen Euro. Beispiellos viele Menschen weltweit spendeten außerdem privat. Auch in Berlin: 565.000 Euro gaben allein die Leser des Tagesspiegels. Am Dienstagabend luden der Tagesspiegel und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zu einer Podiumsdiskussion im Foyer des Redaktionsgebäudes ein, um zu präsentieren, was aus den staatlichen und den privat finanzierten Projekten geworden ist.

Als Gäste waren geladen: Die Schauspielerin Esther Schweins, die in Sri Lanka den Tsunami erlebte und sich danach für den Wiederaufbau engagierte, Wolfgang Hannig von der GIZ, Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Deutschen Welthungerhilfe und Ingrid Müller, Leitende Redakteurin des Tagesspiegels, die mehrfach aus den betroffenen Gebieten berichtete. Das Gespräch führte Ulrike Scheffer aus der Hauptstadtredaktion des Tagesspiegels.

Sri Lanka in besonders schwieriger Situation

Die Spenden der Tagesspiegel-Leser gingen an die Welthungerhilfe. „Wir wussten, dass die vor Ort sind und dass sie gute Arbeit machen“, begründete Müller die Entscheidung. Sri Lanka sei das Ziel gewesen, da die Menschen sich dort in einer besonders prekären Lage befunden hätten: „Die Menschen dort kamen gerade erst aus einem Bürgerkrieg“, sagte Müller.

2002 vereinbarten die beiden großen ethnischen Gruppen in Sri Lanka eine Waffenruhe. Singhalesen, die die Regierung und drei Viertel der Bevölkerung stellen, und Tamilen, größte Minderheit, die überwiegend im Norden des Landes lebt, hatten sich seit den frühen achtziger Jahren bekämpft. „Wir sind bewusst in das Tamilengebiet gegangen.“ Gerade da sei Hilfe am nötigsten gewesen.

Esther Schweins war im Süden des Landes, als die Tsunamis die Küste trafen. „Wir haben so viel Hilfsbereitschaft vor Ort erfahren“, sagte sie. 13 Tage saßen sie und ihre Mutter im Krisengebiet fest. „Ohne die Hilfe der Bevölkerung säße ich heute nicht hier.“ Sie habe sich verpflichtet gefühlt, zu helfen, als sie wieder zurück in Deutschland war. Für sie sei nur persönliche Hilfe infrage gekommen: Einzelne Familien, Personen, die kleine Dinge benötigten, um wieder zu ihrem normalen Leben zu finden. Spinnräder für Weber etwa, oder Bootsmotoren für Fischer, deren Kutter von den Tsunamis zerstört wurden.

GIZ versucht Ländern zu helfen, sich selbst zu helfen

Auf eine ganz andere Art hilft die GIZ: „Unsere klassischen Partner sind die Regierungen der jeweiligen Länder“, sagte Hannig. Doch vor Ort gab es erst einmal gar nichts nach all den Verwüstungen. „Es war, als müsste man ein Gericht kochen – ohne Rezept und während man die Küche baut“, zitierte Hannig den Chef der Wiederaufbaubehörde in Indonesien. Etwa 350 Hilfsorganisationen seien vor Ort gewesen, es habe Chaos geherrscht, Improvisation sei das Gebot der Stunde gewesen.

Anfangs sei es er vor allem um Nothilfe und Überlebenssicherung gegangen. Erst danach habe die langfristige Planung begonnen. „Wir arbeiten nach dem Prinzip des geringstmöglichen Eingriffs.“ Die GIZ helfe den lokalen Behörden, Infrastruktur und Institutionen aufzubauen, damit sich die Länder wieder selbst helfen können.

Die Welthungerhilfe arbeitet eher an der Basis.„Wir gehen dahin, wo es Hunger und Armut gibt“, sagt Jamann, „in rund 40 Ländern sind wir präsent“. Aus Sri Lanka hat sich die Welthungerhilfe inzwischen fast schon zurückgezogen, weil sich das Land allmählich stabilisiert. „Es gibt Orte, da wird unsere Hilfe dringender benötigt.“ Das war 2004 nicht so. „Noch nie haben wir unter solchen Bedingungen gearbeitet.“ Die Welthungerhilfe hatte in Sri Lanka damals ein kleines Team vor Ort. „So konnten wir ab Tag eins helfen – unmittelbare Überlebenshilfe leisten: Plastikplanen, Behelfsunterkünfte, Nahrung.“

Was genau wurde aus dem Geld der Tagesspiegel-Leser?

Jamann erklärte auch, was genau aus dem Geld der Tagesspiegel-Leser wurde. In Mullaitivu wurden beispielsweise hunderte Übergangshäuser gebaut, in Trincomalee über 200 Behelfshütten. Neben den Nothilfeprojekten, die unmittelbar nach der Katastrophe benötigt wurden, gab es auch langfristige Investitionen. „Es wurde zum Beispiel eine Berufsschule in Trincomalee, im Nordosten Sri Lankas gebaut“, sagte Ingrid Müller. Dort würden junge Menschen ausgebildet, zu Hochseefischern oder Mechanikern beispielsweise. „Viele der jungen Männer, die im Bürgerkrieg aufgewachsen sind, haben nichts anderes gelernt, als eine Waffe zu bedienen“, so Müller. Mit einer Ausbildung gebe man ihnen eine Perspektive.

Müller war oft in den Gebieten, die vom Tsunami betroffen waren - auch danach. „Man muss sich das mal vorstellen – da ist nichts mehr gewesen.“ Die Küstenstreifen seien bis zu einem Kilometer landwärts kahl gewesen. „Kopflose Palmen“, sagte Müller. Der Aufbau im Nordteil des Landes habe besonders lang gedauert. So seien die Boote, die unter anderem von den Spenden der Tagesspiegel-Leser gebaut wurden, lange Zeit nicht benutzt worden. Die singhalesische Regierung habe den Tamilen im Norden verboten mit so großen Booten zur See zu fahren – aus Sicherheitsgründen. Seit 2009 sei das aber erlaubt.

Kommenden Monat will Müller wieder nach Sri Lanka reisen. Der Bürgerkrieg ist zwar vorbei, das Gebiet im Norden aber immer noch unsicher. Es kann nur mit einer Sondergenehmigung des Verteidigungsministeriums bereist werden. Die Tagesspiegel-Redakteurin wird dann auch von den unterstützten Projekten berichten.

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