Spendenaktion : Wärme schenkt nicht nur der Tee

Rund 140 Obdachlose finden täglich Hilfe in der Mission am Ostbahnhof. Die Küche muss renoviert werden – doch das Geld fehlt

Daniela Martens

Ein Geruch nach ungewaschenen Kleidern vermischt sich mit Kaffeeduft aus weißen Porzellantassen. An den Tischen in den engen Räumen sitzen die Gäste – hauptsächlich grauhaarige Männer mit zerfurchten Gesichtern. Die Männer heißen Achim oder Günter und sehen aus wie Mitte 60. Sie albern aber miteinander herum wie Schuljungen. Alltag in der Bahnhofsmission im Ostbahnhof – der ältesten Deutschlands.

Ein Mann mit einem Schnauzbart liest in einem Thriller, während die anderen um ihn herum Neuigkeiten austauschen. Auf die Frage, ob er eine Wohnung habe, antwortet er nur kurz: „Nee“ – in einem Tonfall, der durchklingen lässt, wie abwegig die Idee ist. Und der Mann ihm gegenüber zeigt als Antwort lediglich stumm auf den gepackten Rucksack neben seinem Stuhl. Nur der dritte am Tisch strahlt über sein ganzes faltiges Gesicht mit dem stoppeligen Vollbart und sagt stolz: „Seit zwei Monaten bin ich nicht mehr auf der Straße. Ich lebe jetzt ganz allein für mich in einer Wohnung.“ Dann isst er ein Stück Stollen und erzählt, wie ihm Christine Thoma und die anderen Mitarbeiterinnen in der Mission geholfen haben.

„Wir haben ein ganz niedrigschwelliges Beratungsangebotsangebot“, sagt Thoma. „Oft sind wir die erste Anlaufstelle für Leute, die dringend Hilfe benötigen. Jeden Monat werden es mehr.“ Das sind nicht nur Obdachlose, die eine heiße Dusche brauchen, sondern auch immer mehr psychisch Kranke. Viele Männer, aber auch zunehmend Frauen. Und dann sind da noch Menschen wie jener Mann mit dem bösartigen Tumor, der zwei Mal am Tag vorbeischaut, weil er mit jemandem über seine Krankheit reden möchte. „Wir sagen den Gästen, wo es Schlafplätze in Notunterkünften gibt oder vermitteln sie weiter zu professionellen Helfern und Beratungsstellen“, sagt Thoma. Ganz wichtig für ihre Arbeit sind Kaffee, Tee, die belegten Brote vormittags und der Kuchen nachmittags.

Doch der Einsatz in der Küche verlangt starke Nerven: Die Beschichtung auf den billigen alten Küchenmöbeln ist an vielen Stellen abgeblättert. Die Schranktüren fallen fast ab. Und der Geschirrspüler steht kurz vorm Zusammenbruch. Seit mindestens 15 Jahren wurde hier nichts mehr grundlegend verändert. Die ehemals weiße Farbe an den Wänden hat überall schmutzige Flecken. Kein Wunder bei rund 140 Gästen täglich. Eigentlich müsste die ganze Mission renoviert werden.

Doch weder eine Renovierung noch eine neue Küche ist im Budget des Trägers „In Via katholische Mädchensozialarbeit“ vorgesehen. Der größte Teil der Arbeit der Mission wird aus Spenden finanziert. Die Bahnhofsbäckereien geben Kuchen ab vom Vortag. Fast täglich bringen Berliner Nachschub für den Vorrat an Unterwäsche und Socken in der Mission und acht der insgesamt elf Mitarbeiter sind ehrenamtlich im Dienst. Auch der Tagesspiegel will helfen und bei der Spendenaktion Geld für eine neue Küche sammeln. Damit es weiterhin Kaffee und Tee gibt.

Der Thriller-Leser trinkt einen Schluck aus seiner Tasse. „Kaffee kostet 30 Cent, Tee kostet nichts“, sagt er. „Ich trinke Tee, ergo habe ich kein Geld.“ Den Kaffee muss die Mission kaufen, Tee wird gespendet. Der Baseballkappenträger, der genau gegenüber sitzt, zählt Zehn- und Zwanzig-Cent-Münzen auf den Tisch: „Na komm, ich lad’ euch beide ein. Trinkt ihr einen mit mir?“ „Mit dir immer“, antwortet der Thriller-Leser. „Man trifft hier immer alte Freunde, das ist wat Schönet“, sagt einer mit Vollbart. „Und die Mitarbeiterinnen wissen besser Bescheid als in vielen anderen Beratungsstellen.“ Doch Christine Thoma hat keine Zeit Komplimente entgegenzunehmen. Sie muss schnell jemand anderem helfen: Ein Rollstuhlfahrer braucht ihre Unterstützung, um in den ICE nach Köln einsteigen zu können.

Das Konto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e.V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, Kt.-Nr.: 250 030 942, BLZ: 100 500 00. Auch beim Onlinebanking bitte Name und Anschrift für den Spendenbeleg notieren.

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