Spender können Neonazi-Opfer helfen : Eine Luftbrücke für Noel Martin

Noel Martin wurde von Rechtsextremen in Brandenburg angegriffen. Seit diesem Übergriff im Jahr 1996 sitzt er im Rollstuhl. Zu seinem 54. Geburtstag wünscht er sich eine Reise nach Brandenburg.

von
Im Team. Noel Martin zu Hause mit Michael Ferguson, der früheren Pflegerin Kessa und Katrin Nikiforow (von links).
Im Team. Noel Martin zu Hause mit Michael Ferguson, der früheren Pflegerin Kessa und Katrin Nikiforow (von links).Foto: privat

Noel Martin hat einen besonderen Geburtstagswunsch: „Ich möchte gern nächstes Jahr nach Deutschland reisen.“ Doch der Mann aus Birmingham, der am Dienstag seinen 54. Geburtstag feierte, kann nicht einfach Flugticket und Zimmer buchen. Noel Martin ist querschnittgelähmt, schwerstpflegebedürftig und auf einen Elektrorollstuhl angewiesen, seitdem ihn Rechtsextreme in Brandenburg attackierten. Wenn er überhaupt sein Haus verlassen kann, dann muss er auch dabei rund um die Uhr von Pflegerinnen betreut werden.

Deswegen hoffen Noel Martin und seine Kontaktpersonen bei der Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“, die die „Noel- und Jacqueline-Martin-Stiftung“ verwalten, auf Spenden von Bürgern und Sponsoren sowie auf das Entgegenkommen von Fluggesellschaften (siehe zweite Seite). Noel Martin formuliert es so: „When I travel I need to take my whole household with me.“ Dann muss er eben seinen ganzen Haushalt bei sich haben.

Der aus Jamaika stammende Brite musste schon einige Schicksalsschläge verkraften. Am 16. Juni 1996 wurde er Opfer eines rassistischen Anschlags im brandenburgischen Mahlow. Da baute er als einer von rund 80 000 Montage- und Bauarbeitern aus Großbritannien und Irland nach der Wende Ostdeutschland wieder auf. Zwei 17 und 24 Jahre alte Männer aus der rechtsradikalen Szene verfolgten ihn mit ihrem Auto. Beim Überholen warfen sie einen Stein aus dem Fenster in das Fahrzeug des Verfolgten. Martin prallte mit seinem Auto gegen einen Baum. Seitdem ist er vom Kopf abwärts querschnittgelähmt. Die Täter wurden zu fünf und acht Jahren Haft verurteilt, sind längst wieder frei. Reue zeigen sie nicht, und dass er nie eine Entschuldigung hörte, hat Noel Martin zusätzlich verletzt. Dann verlor er seine Frau Jacqueline, die ihn zu Hause versorgte, sie starb im April 2000 an Krebs.

Danach machte Noel Martin, der Kämpfer, weltweit Schlagzeilen. Am 10. Jahrestag der Attacke hatte er bekannt gegeben, dass er am Ende seiner Kräfte sei und sich an seinem Geburtstag das Leben nehmen werde. Das hat er nicht gemacht, zur großen Freude aller, die den charismatischen Menschen kennen, die ihn bei einer seiner mitreißenden Reden gegen Rassismus und Gewalt erlebt haben. Auf Youtube ist jetzt Noel Martins Videobotschaft zu sehen, die er zum diesjährigen Jahrestag des Angriffs an seine Mahlower Freunde schickte.

Jetzt traf ihn ein weiterer Schicksalsschlag hart. Martins gute Freundin, seine so geschätzte Vertrauensperson Robin Herrnfeld, ist infolge eines tragischen Unfalls plötzlich und unerwartet mit 58 Jahren gestorben. Die amerikanische Lehrerin war lange Zeit seine Kontaktperson zu Medien, Jugendinitiativen und Behörden in Deutschland. Das alles erzählt Michael Ferguson, der dieser Tage versucht, ihre Rolle ein wenig zu übernehmen. „Das ist schwer, Noel hat sie wirklich sehr gern gehabt.“ Die Frau aus Geltow bei Potsdam und Martin hatten sich nach der Attacke kennengelernt, als die Mitarbeiterin des Opferfonds „Cura“ den Briten in Deutschland betreute. Und es war Herrnfeld, die mit Martin sein Buch „Nenn es: mein Leben“ geschrieben hat (von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe, 2007). Erträge aus dem Verkauf des Buches kommen seiner Stiftung zugute.

Michael Ferguson ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der Stiftung in Potsdam und wohnt in Charlottenburg. Der frühere Cornelsen-Schulbuchredakteur mit britischen Wurzeln engagiert sich für das Rassismus-Opfer, seitdem er über die Berichterstattung im Tagesspiegel von Noel Martin erfuhr. Dieser hat bis auf seine, von einigen auch als zu demonstrativ kritisierte, Suizid-Ankündigungsphase stets gekämpft. Er fördert über seine Stiftung Jugendbegegnungen zwischen jungen Schwarzen aus Birmingham und jungen Weißen aus Brandenburg. Am 28. Juli reist wieder eine Gruppe aus Großbritannien mit Sportbetreuer Lincoln Moses her und nimmt an einem Fußball-Ferien-Camp mit dem BSC Preußen 07 in Blankenfelde-Mahlow teil. 2012 waren Brandenburger in Birmingham, sie besuchen dann immer Noel Martin zu Hause. Wie gerne wäre er bei der Beerdigung seiner Vertrauten in Geltow bei Potsdam dabeigewesen, um sich von ihr wenigstens zu verabschieden. Auch die Staatskanzlei Brandenburg unterstützte ihn bei seinem Anliegen; die aktuelle Begegnungsreise unterstützte die Staatskanzlei Brandenburg mit 2000 Euro. Die für die Reise notwendigen Voraussetzungen waren in der Kürze der Zeit nicht zu organisieren.

Erst einmal konzentriert sich Martin auf seine anstehenden Klinikbesuche in Großbritannien. Immer wieder ist er zwangsweise bettlägerig. Zu Jahresbeginn musste er den Weggang seiner Chefpflegerin Kessa verkraften. Außerdem wurden er und sein Pflegepersonal letztes Jahr von Einbrechern in seinem Haus massiv bedroht. Das alles nimmt ihn mit und macht sein Leben noch schwerer, als es ohnehin ist. „Mein Bewusstsein ist im Moment ganz schwarz“, sagt Martin.

Er hofft, dass sein Leben wieder heller wird. Vielleicht auch dank der Unterstützung von Lesern dieser Zeitung.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben