Berlin : Spitzenküche zu Spitzenpreisen

Elisabeth Binder

Platz der Republik, Tiergarten, Tel. 226299-0, geöffnet tägl. von 9 bis 17 und 18.30 bis 24 Uhr. Ohne Reservierung geht abends nichtsElisabeth Binder

Ende April fragte mich mein Begleiter, ob wir nicht mal ins Reichstagsrestaurant gehen könnten. Dass dies ein "Mussmangesehenhaben" ist, hatte sich bis nach Blankenese herumgesprochen. Okay, sagte ich, schon weil ich fand, dass seine Leiden auch endlich einmal belohnt werden müßten, und griff gleich zum Telefon. Keine Chance. Irgendwann versuchte ich es noch einmal und bekam die Auskunft, dass man derzeit keine telefonischen Reservierungen annehme.

Auch gut. Ich fuhr also an einem schönen, sonnigen Nachmittag Mitte Mai dorthin, bestellte heiße Schokolade und Erdbeereis (aus strategischen Gründen, um einen zahlungskräftigen Eindruck zu machen) und fragte den Kellner, ob ich denn jetzt endlich mal reservieren dürfte.

"Das geht nur telefonisch", antwortete er, "und nur unter einer ganz bestimmten Nummer." Die immerhin brachte er auf dringliches Bitten dann an, und ich zückte sogleich mein Handy, um von der Terrasse des Reichtagsrestaurants im Reichtagsrestaurant anzurufen und um eine Reservierung nachzusuchen. Erst war immer besetzt, aber ich weiß natürlich, was in einem solchen Fall zu tun ist. Man nimmt einen großen Löffel Erdbeereis in den Mund, so dass man sich kaum noch verständlich machen kann und drückt dann gleich auf die "Ruf-raus-Taste". Prompt nahm jemand den Hörer ab.

Für die Juniabende war allerdings nichts mehr zu machen, auch für Anfang Juli nicht. Den Hinweis, dass gerade dann meine liebsten amerikanischen Freunde zu Gast sein würden, verkniff ich mir. Zu streng klang die Stimme am anderen Ende. Nach weiteren Versuchen akzeptierte ich am Ende dann einen Montag im August. Hauptsache mitreden können. Natürlich scheute ich weder Kosten noch Mühen, meinen Blankeneser Begleiter zu diesem Termin einfliegen zu lassen. Der murmelte zwar was von Arbeit, aber das ist natürlich überhaupt keine Entschuldigung, wenn das Reichtagsrestaurant einen gerade mal haben will.

Nachdem wir eine Seilsperre und eine semistrenge Hostess mit Reservierungsliste erfolgreich überwunden hatten, war es mir dann doch ein bisschen peinlich, dass zeitweise vier Tische leer standen. Sollte da jemand geschwänzt haben? Sollten die Tische gar für Spontano-VIPs bereit stehen? Wer mit blankenesischer Vornehmheit ausgestattet ist, übersieht so etwas glücklicherweise.

Nach so langer Wartezeit erwartete ich vom Essen nichts weniger als paradiesischen Geschmack, aber mein kluger Begleiter warnte mich gleich vor überhöhten Erwartungen. "Das sieht doch aus wie eine etwas noblere Kantine", sagte er, "auch nicht viel anders als in Bonn". Immerhin Kerzen, eine schlanke Blume in einer noch schlankeren Vase. Und viele Kräne vor dem Fenster, aber meine sehr berlinische Begeisterung für Kräne wirkt leider nicht immer ansteckend.

Also Aperitif. "Coupole Berlin", der Hauscocktail aus Mango, Maracuja, Cognac und Prosecco, schmeckte ganz erfrischend, immerhin (13 DM). Ebenso das Amuse Gueule, eine geeiste Tomatensuppe mit großzügiger Hummereinlage. Die zwei Tässchen ruhten auf einem todschicken kleinen Designergestell, das auch noch Platz bot für eine dritte Tasse mit Blume, letztere aber nicht zum Essen gedacht.

Dazu zweierlei Brot, Butter, freundliche Bedienung. Das marinierte Medaillon von der Lotte auf einem dünnen Sommersalat war in Ordnung, aber nicht gerade berückend. Die Portionsgröße war zweifellos von der Abteilung für Nachtisch-Marketing verordnet worden (27 DM).

Lustiger und auch sehr wohlschmeckend die Sauerrahmterrine mit Ossietra-Kaviar und in Wodka und Roter Bete mariniertem Lachs (30 DM). Die Weinkarte ist nicht zu dick, aber breitfächerig bis weit in dreistellige Dimensionen hinein sortiert; wir entschieden uns für einen der Hausweine, einen Bianco di Toscana, Selezione Käfer, für vergleichsweise bescheidene 43 Mark. Der war auch gar nicht schlecht.

Soll ich jetzt sagen, was mir am geangelten (warum eigentlich nicht handgeangelten?) Loup de Mer auf geschmortem Paprika mit Penne Rigate am besten gefiel? Die schwarzen Oliven, toller Geschmack, aber der Fisch war auch schön zart und jungfräulich weiß (51 DM). Dem Filet vom Stör boten die gebratenen Steinpilze ein Fundament, das nach allen Reichtümern des Waldes schmeckte. Die Heidelbeeren passten gut dazu. Das sehr pfanniferne Kartoffelpüree war ebenfalls gelungen und nicht nur, weil Chips drin steckten (54 DM).

Der offene Rotwein machte der Selezione Käfer leider längst nicht so viel Ehre wie der Weiße (0,2 Liter für 10,50 DM). Dafür passte er ganz gut zu dem knusprig leckeren, in Haselnussmehl gebackenen Ziegenfrischkäse, der sich in der schmückenden Begleitung schöner Portweinfeigen befand, wobei ich aber das angekündigte Parmesankörbchen, das mich eigentlich neugierig auf dieses Gericht gemacht hatte, vermisste (18 DM). Mein Begleiter hielt es gleich mit dem süßen Teil der Dessertkarte und wurde belohnt mit einer hinreißenden Pfirsichsuppe mit mandeligem Mandeleis (17 DM).

Kein Zweifel, hier will man in der Berliner Spitzenliga mitmischen, vor allem auch bei den Preisen. Dieser Ehrgeiz könnte irgendwann Gefahr laufen, dem "Des Kaisers neue Kleider"-Phänomen anheim zu fallen. Andererseits war "Die Lage! Die Lage! Die Lage!" noch oft genug das beste Gewürz, wenn es darum ging, einen Laden voll zu kriegen.

Mein Begleiter würde den Weg hierher aus Blankenese nicht unbedingt wieder auf sich nehmen wollen. Viel zu nüchtern das Ambiente und bei zugegeben gutem Essen das Preis-Leistungs-Verhältnis auch wieder nicht so doll. Jedenfalls, wenn man nicht auf Kräne abfährt.

Anders als die Nachbarn eine Weile vor uns, bekamen wir keine Petits Fours zu Espresso (4,60 DM) und Grappa (15 DM). Aber vielleicht hatten die auch kein Amuse Gueule bekommen. Wir waren eh längst satt und nahmen eine tröstliche Botschaft mit nach Hause für alle, die nicht unsere Hartnäckigkeit beim Reservieren besitzen. Auf ein Erdbeereis ist es okay, aber gut essen gehen kann man mit weniger Aufwand anderswo auch.

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