Berlin : Sponsoren-Partys sind die Alternative zu den Lokalen im Regierungsviertel

Elisabeth Binder

Die Frage, wo man sich trifft im Regierungsviertel, ist nach wie vor en vogue. Viele Abgeordnete sind schließlich nur in den Sitzungswochen da, und wenn sie sich schon etwas eingelebt haben, dann kennen sie die Strecke von ihrer Wohnung bis zum Reichstag und legen Wert auf die Feststellung, dass sie keineswegs nur in die Ständige Vertretung gehen, wenn sie Verabredungen haben, sondern auch mal in die anderen neuen Lokale im Regierungsviertel. Zusammenkommen kann man immer häufiger auch bei gesponserten Partys.

Die Firma Philip Morris lud schon zum zweiten Mal Politiker, aber auch Kultur-, Medien- und Wirtschaftsleute in das Restaurant auf dem Reichstag ein. Sie ist nicht die einzige Firma, die das tut, und es geht auch nicht darum, Reklame zu machen, wie Kommunikationsmanagerin Astrid Köhler sagte. Einzige Hinweise auf den Gastgeber waren in der Tat dezent über die Tische verstreute Marlborough-Schachteln. Es gehe eher darum, sich nach amerikanischer Tradition gesellschaftlich zu engagieren. Das kann man tun, indem man Kunst fördert, soziale Einrichtungen unterstützt oder Leuten hilft, ihre Netzwerke auszuweiten. Oder, wie es Geschäftsführer Dettmar Delbus formulierte, indem man einen neutralen Boden schafft für Gespräche, die gern auch Hintergrund bleiben dürfen, gewissermaßen "unter Drei" geführt werden.

Wo sich so viele Leute noch gar nicht kennen, wird die Rolle von dezent agierenden professionellen Miteinander-Bekanntmachern immer wichtiger. Gäste wie MTV-Chefin Christiane zu Salm-Salm, Moderatorin Eve-Maren Büchner, Filmemacher Volker Schlöndorff oder auch die Senatoren Böger und Kurth mögen zwar reichlich Party-Erfahrung haben, aber die Zusammensetzung ist ja immer anders. Der Direktor der American Academy, Gary Smith, sah sich plötzlich in ein Gespräch darüber verwickelt, ob es für amerikanische Institutionen okay ist, Sponsoren-Geld der Zigarettenindustrie zu akzeptieren. Darüber wird zwar diskutiert, aber schließlich ist man in Europa, und wenn man so viele anspruchsvolle Programme gestaltet, kann man wohl nicht allen Korrektheitsanforderungen aktueller amerikanischer Sitten entsprechen.

Auch Diplomaten mischten sich zwischen die notorisch armen Kulturleute und die reichen Lobbyisten. Man sollte denken, deren Leben würde einfacher durch die vielfältigen Kommunikationsangebote, weil sich dadurch unter Umständen die Zahl der eigenen Partys reduzieren lässt. Aber so scheint es nicht zu sein. Im Gegenteil, die Qual der Wahl, wo man sich nun treffen soll, hat auch ihre Nachteile. Ein bisschen habe er Sehnsucht nach dem Berlin in der ersten Hälfte der 90er Jahre, bekannte der tschechische Botschafter Frantisek Cerny. Das sei doch vergleichsweise noch gemütlich gewesen. Stimmt, obwohl auch damals alles schon ganz schön aufgedreht war. Die Frage der Zukunft scheint nicht zu sein, wo man sich trifft, sondern, wie man sich vervielfältigt, um alle Treffen noch zu schaffen.

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