Sportflächen in der Innenstadt : Finger weg von meinem Käfig!

Auf dem Bolzplatz sind alle frei: Akademiker und Hartz-IV-Empfänger, Jung und Alt. Berlins Innenstadt braucht nicht weniger Orte zum Fußballspielen, sondern mehr. Eine Erwiderung.

Kai-Uwe Heinrich
Hier darf es scheppern. Hinter Gittern kann man sich als Fußballer frei fühlen.
Hier darf es scheppern. Hinter Gittern kann man sich als Fußballer frei fühlen.Foto: picture alliance/dpa/Jens Büttner


Manche Menschen brauchen Käfige, um frei zu sein. Nur wenn sie eingezäunt sind, können sie sich austoben und ausleben – auf einer kleinen Fläche von vielleicht nur acht mal 15 Metern. Auf einem Bolzplatz. Wie kommt man darauf, ihnen dieses kleine Reich wegnehmen zu wollen?

Mein Tagesspiegel-Kollege Björn Seeling hat genau das vergangene Woche an dieser Stelle gefordert. Schon die Überschrift seines Kommentars„Macht Platz, ihr Bolzen!“ – hat mich wütend gemacht. Der Text unterstellte Bolzplätzen und anderen Sportflächen in der Innenstadt Sinnlosigkeit und forderte, den Raum doch besser für den Wohnungsbau zu nutzen. Ich finde, mit dieser Analyse könnte er falscher kaum liegen: Berlin braucht nicht weniger Orte zum Fußballspielen, sondern mehr.

Es geht um Menschen, die miteinander spielen

„Bolzen“ – was für ein schönes Wort. Es bezeichnet zum einen ein Metallteil, das unter großer Last stehend große gegensätzliche Teile verbindet. Zum anderen steht Bolzen für autonomes, wildes Fußballspielen. Zwei oder mehr Menschen treffen sich auf einem Platz, der vorzugsweise von einem scheppernden Metallzaun umgeben ist. Egal ob mit filigraner Technik oder mit brachialer Wucht: Es geht um Menschen, die miteinander spielen. Die sich zufällig begegnen und sich über den Fußball miteinander beschäftigen. Unbeeinflusst von der ethnischen oder gesellschaftlichen Herkunft. Es treffen sich Akademiker und Hartz-IV-Empfänger, Kiez-Urgesteine und Migranten. Jung und Alt. Sie alle vereint das große Glück und die Selbstverständlichkeit, sich in der Großstadt sportlich zu bewegen, sich zu messen. In einer Gruppe, in einem Team – Bolzen ist viel mehr als Kicken.

Unsere Gesellschaft, unsere Stadt, ist ichbezogen. Bewegen sich nicht schon genug Menschen völlig isoliert mit ihren Bluetooth-Kopfhörern in der U-Bahn und auf dem Fahrrad durch die Stadt? Und nehmen dadurch keinen Anteil mehr am Kiezleben, an ihrer Umwelt? Auf einem Sportplatz aber kann man sein Gegenüber nicht ignorieren.

Auch Erwachsene brauchen Bewegung, um Stress zu vergessen

Natürlich macht ein Fußballspiel Lärm, natürlich scheppert es im Käfig. Großstadt ist laut. Aber was soll daran falsch sein? Es ist keine Lärmbelästigung, sondern pures Glück, neben einem Schulhof, einer Kita oder eben einem Sportplatz zu wohnen. Man nimmt Teil an der Lebensfreude, die sich Bahn bricht, wenn Kinder aus engen Klassenzimmern und Gruppenräumen ins Freie stürmen. Einfach mal schreien und über einen Schulhof oder einen Spielplatz rennen, sich mal so richtig auspowern. Das ist das, was Kinder und Jugendliche brauchen. Auch Erwachsene brauchen Bewegung, um Stress auf der Arbeit zu vergessen oder den Kopf einfach mal freizubekommen – gerade wenn sie mitten in der Stadt wohnen. Viele möchten nicht in einem Fitnesscenter allein auf das Laufband steigen. Und längst nicht jeder kann es sich leisten, einen Personal Trainer zu beschäftigen, der ganz für ihn da ist. Anstatt dumpf vor dem Fernseher zu sitzen, ist es doch weitaus besser, sich den Ball zu schnappen und eine Runde zu kicken. Das gilt auch für die von meinem Kollegen beschriebenen moppeligen Männer, die ihre ollen Knochen in Ballonseide hüllen und durch den Käfig schleppen.

Das ist keine Vereinsmeierei, sondern Sozialarbeit

Fußball im Verein erfüllt noch viele Funktionen mehr, deswegen habe ich mich auch über den Vorwurf der Vereinsmeierei besonders aufgeregt. Wer sich ehrenamtlich in einem Klub engagiert, sorgt dafür, dass Nachbarn, Freunde, Kinder und Verwandte Sport treiben können. Sie alle können einfach nur ihrem Hobby nachgehen, ohne sich um Platzzeiten, Spielmaterial, Betreuung und Spielansetzungen zu kümmern. Und das auf den knapp bemessenen Plätzen, die von den Sportämtern der Bezirke zur Verfügung gestellt werden. Die Verantwortung für Grund, Boden und die körperliche Unversehrtheit der Sportler liegt in der Hand von unzähligen Ehrenamtlichen. Das ist keine Vereinsmeierei, sondern pure Sozialarbeit.

Und ja, mein Kollege hat recht, Wohnraum ist knapp. Aber in welcher Wohnung kann man Fußball spielen?

Der Autor ist Foto-Chef des Tagesspiegels ehrenamtlich Vorsitzender der Fußballabteilung des BSC Eintracht Südring.

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