Berlin : Spruchreif

Gerd Nowakowski

wünscht sich endlich neue Parolen in Kreuzberg Revolutionäre haben es schwer. Mühevoll musste der Demo-Aufruf zum 1. Mai in Übereinstimmung gebracht werden „mit unserem sozialrevolutionären und antiimperialistischen Ansatz auf kommunistischer Grundlage“. Da hört man förmlich den Staubhusten der Historie. Was früher der SPD, als ihr das kapitalistische Teufelszeug namens Godesberger Programm noch bevorstand, die Traditionsfahnen waren, mit denen man im Geiste Lassalles die Straße beherrschte, das sind heute den Kreuzberger Revolutionären die Parolen: ebenso alt wie das öde Randale-Ritual. Beides überflüssig. Leute, so geht das nicht weiter! Neue Sprüche müssen her. Erbarmen für das arme „Hoch die Internationale Solidarität“ – auch Parolen haben ein Recht auf Rente. Außerdem wandeln sich die Adressaten der Soli-Grüße zuweilen zu blutrünstigen Potentaten. „Vereinigt euch unter dem Maoismus“, wie etwa gestern skandiert – da könnten ehemalige kommunistische Kader, die jetzt Mitglied der Bundesregierung sind, einiges zu sagen. „Nie wieder Deutschland“ wurde schon bei der Kreuzberger Randale 1987 gerufen. Dabei war seitdem Zeit genug, das ungeliebte Land zu verlassen. Und: „Kapitalismus abschaffen“ ist zwar aktuell; welcher Autonome aber will einer Meinung mit der SPD sein? Gänzlich falsch verstehen könnten Jüngere die Traditions-Parole „Gegen die Yuppisierung von SO 36“. Ausgerechnet der allseits beliebte Yuppi von der Ufa-Fabrik in Tempelhof, der soll ein Böser sein?

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