Berlin : Spurensuche mit Erfolg

Ehrungen für engagiertes Geschichtsbewusstsein

Claudia Keller

Als Robert Kreibig das verfallene Haus vor acht Jahren auffiel, wusste kaum noch jemand, wozu es einmal gut war. Einige Bewohner des kleinen mecklenburgischen Ortes Röbel konnten sich erinnern, dass es als Garage genutzt wurde. Der in Berlin wohnende Kreibig, ein studierter Psychologe und Volkswirtschaftler, fand heraus, dass sich in dem Gebäude vor dem Krieg eine Synagoge befunden hatte. Weil Kreibig nicht lockerließ, ist die Synagoge heute restauriert und Teil eines Jugendbildungszentrums.

Dafür wurde Robert Kreibig gestern im Abgeordnetenhaus zusammen mit fünf weiteren engagierten Menschen mit dem German Jewish History Award ausgezeichnet. Der Preis der amerikanischen Obermayer-Stiftung wurde zum sechsten Mal vergeben. Mit der Preisverleihung im Plenarsaal beging das Berliner Abgeordnetenhaus den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, der offiziell am Freitag stattfindet, wenn sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 61. Mal jährt.

„Deutschland hat die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinde auf der ganzen Welt“, sagte Arthur Obermayer. Er freut sich darüber. Obermayer besitzt in Boston ein Hightech-Unternehmen, seine jüdischen Großeltern stammten aus dem Schwäbischen. Als er Mitte der 90er Jahre nach Deutschland kam, um nach ihren Spuren zu suchen, traf er viele Menschen, die die jüdische Geschichte ihres Ortes erforschten oder sich um die Erhaltung von jüdischen Friedhöfen und Synagogen kümmerten. Das wunderte Obermayer, „zumal sie das aus purem Interesse taten; nicht etwa, um ein Uni-Diplom zu bekommen oder Geld“. Dieses Engagement fördert Obermayer mit dem German Jewish History Award.

In einer eindringlichen Rede beschwor der Berliner Ehrenbürger Edzard Reuter die Verpflichtung der Deutschen, die Erinnerung an die einzigartigen Verbrechen an den Juden wachzuhalten – „auch wenn es wahrscheinlich nicht wenige Bürger gibt, die davon nicht mehr allzu viel hören wollen“. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, diese Zeile aus Paul Celans Todesfuge, verkörpere eine Wahrheit, der sich keiner in Deutschland entziehen könne. Deshalb müsse man die Orte der Verbrechen und des Gedenkens als Mahnung aufrecht erhalten. An die Adresse der Politiker sagte Reuter: „Leere öffentliche Kassen dürfen nicht als Vorwand zur Nachlässigkeit gelten.“ Leider waren nur etwa ein Dutzend Abgeordnete zur Feierstunde gekommen.

Albert Meyer, bis vor kurzem Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin, gratulierte den Preisträgern im Rahmen des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er erinnerte daran, wie viele Deutsche weggeschaut haben. „Hat die Einschränkung der Freiheit der Juden nicht ausgereicht? Warum hat die Bevölkerung nicht reagiert? Musste es noch zu Auschwitz kommen?“ Das Bewusstsein für diese Geschichte müsse auch heute der Eckpfeiler der Integration der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland bleiben.

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