Staatsoper Unter den Linden : Arbeiten auf der Dauerbaustelle

An der Staatsoper wird nie en suite gespielt, ständig wird geprobt und gewerkelt - nach strengem Zeitplan. Theater bedeutet hier Arbeit auf einer Baustelle, die niemals fertig wird.

Susanne Leimstoll
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Harte Arbeit für glänzende Vorstellungen. -Foto: Mike Wolff

Zehn Uhr morgens. Königin Elisabeth, blonde Zöpfe wie Bette Davis in „Baby Jane“, hat noch den geblümten Schlafanzug an. Sie wohnt düster: Empore, Treppe, Wände, Boden – alles aus fast schwarz gebeiztem Holz. Es soll ein guter Tag für sie werden. Immerhin jubiliert sie schon jetzt auf Italienisch: „Ich werde England und Frankreich regieren!“ Das gelingt, weil sie ihre Schwester Maria Stuart umbringen lässt. Den fiesen Plan zieht sie an diesem Morgen probeweise durch – mit wundervollem Mezzosopran, ein Ohrenschmaus.

Ein paar Menschen sehen und hören ihr dabei zu, im abgedunkelten Parkett. Während die schwedische Operndiva Katarina Karnéus als Elisabeth in rot-weiß gepunktetem Kleidchen und Kniestrümpfen Whisky säuft, sich von ihrem Lover Leicester, Tenor Dario Schmunck, Pralinen bringen lässt und sich einen Belcanto-Zweikampf mit der Rollstuhl fahrenden Maria Stuart, Sopranistin Ermonela Jaho, liefert, sitzen sie an schwach beleuchteten Pulten: Chefmaskenbildner, Dramaturg, Regieassistenz, oder in den hinteren Reihen die Frauen vom Kostüm. Später schlüpft zum Zuhören leise die Solistin herein, die an der Staatsoper gerade die Lady Macbeth singt. Ab und an schaut ein Chormitglied vorbei. Zehn gelbe und zwei blaue Scheinwerfer beleuchten den Guckkasten – Arbeitslicht.

Es ist Bühnen- und Orchesterprobe für die Wiederaufnahme von Donizettis „Maria Stuarda“ in der gewitzten Inszenierung von Karsten Wiegand. Ganzer Durchlauf. Fast alle Hauptpartien sind neu besetzt. Die Beteiligten haben zwei bis drei Wochen Proben hinter sich, dies hier ist der Feinschliff. Der wird pünktlich beendet. Gleich nach dem letzten Akkord beginnt die Akkordarbeit der Techniker und Handwerker: Der ganze möblierte Raum verschwindet. Abends ist Ballett. Umbau, wie täglich in der Staatsoper. Hier wird nie en suite gespielt. Jeden Tag was anderes. Jeden Tag Kulissen transportieren, Bühne verändern, Technik justieren, Licht einrichten. Jeden Tag Baustelle. Arbeiten, die einem exakten Stundenplan folgen, ehe am Abend alles wirkt, als sehe es hinter dem Vorhang immer gleich aus.

10.10 Uhr: Dirigent Alain Altinoglu unterbricht zum ersten Mal. Der Chor soll eine größere Gasse zur Treppe lassen, ein paar Minuten später: zu laut. „38“, sagt Altinoglu, und das Orchester setzt bei Takt 38 erneut ein.

Regieassistentin Katharina Lang, am Pult auf der Hälfte der Stuhlreihen, scheint mit dem Verlauf zufrieden. Im schwachen Licht der Leselampe sieht man sie lächeln über ihrem Klavierauszug, der Vorlage, dem kleinen „Drehbuch“, an dem sie und auch der Inspizient sich orientieren. Machen sie auf der Bühne alles richtig? Sie schreibt mit, was szenisch passiert, was nicht stimmt und eventuell der Korrektur bedarf. „Wir machen hier ja immer work in progress“, sagt sie. Die Regieassistentin hat eigentlich drei andere Stücke: Don Giovanni, Aida und Macbeth. Heute ist sie eingesprungen für die kranke Kollegin. Am Abend zuvor war Klavierprobe mit Regisseur und Licht. Jetzt der Durchlauf mit Kulisse, weil sonst zu viel auf- und abzubauen wäre.

Der Chor steht in Zivil auf der Bühne, die Solisten in Probenkostümen, die denen der Inszenierung ähneln. Ausnahme: die komplizierten Kopfbedeckungen der Solistinnen. Kommen die Sängerinnen damit zurecht? Elisabeth kämpft mit einer rutschenden Krone aus Sternpfeilen. Die Karnéus knallt sich einfach das Haltegummi, das am Hinterkopf verlaufen sollte, unters Kinn. Sitzt. Die Damen vom Kostüm registrieren das.

Pause. Inspizient Harald Lüders im Kabuff seitlich hinter der Bühne hat ein paar Minuten, ehe er die Darsteller wieder auf die Bühne ruft. Über vier Monitore, einen Computer, ein Tastenboard steuert er die Abläufe hinter den Kulissen. Er sagt den Technikern, wann welches Licht kommen muss, wann Wände oder Kronleuchter wie schnell wo hinzufahren sind. Er holt die Darsteller ab – per Mikro oder persönlich. Die verlassen sich drauf. Eben sagt er schmeichelweich: „Ich darf dann auch die Solisten zur Bühne bitten . . .“ Heute soll alles funktionieren. „Oft fehlt die Zeit zu proben“, sagt Lüders. „Da ist man ziemlich unter Druck.“

Auftritt für Shrewsbury. Hinter der Bühne winkt ihn die zweite Inspizientin Ingrid Jaroszewski mit gestrecktem Finger raus. Im Vorbeigehen drückt sie dem Sänger seine Requisiten in die Hand: einen halb vollen Krug, ein Glas. Im Dunkel der raumhohen, hölzernen Kulisse geht sie die Treppe hinauf zur Portalbrücke; der Chor benötigt seinen Einsatz. 80 Männer und Frauen schieben sich in Grüppchen nach vorne, man unterhält sich lautstark, als sängen sie nicht zwei Meter weiter vorne um Stuardas Leben.

„Im Sprechtheater würde man das hören. In der Oper nicht“, sagt Requisiteur Jonathan Dürr. Er hat gerade den Wind gemacht, der den Store so dekorativ vom Fenster weg ins Bühnenzimmer wehen ließ. Die „Stuarda“ ist ein Requisitenstück, da muss man paratstehen. Wird eine Szene wiederholt, wird zurückgebaut. Wenn sie zehn Mal probiert wird, muss das Glas zehn mal neu gefüllt sein. Zu Siebt arbeiten sie in der Staatsopern- Requisite, machen Pyrotechnik, große Möbel, kleine Utensilien, Einlagerung, Besorgung, Pflege, das Wetter: Schnee, Regen, Nebel. Eben wird Maria Stuart zum Sterben und für ihre traumschöne Arie aufs Bett gehoben. Sie hat ein Kreuz umhängen. „Das ist präpariert“, sagt Dürr. „Damit macht sie sich die Hände blutig. Und in dem anderen, mit dem sie Selbstmord begeht, ist ein Springmesser drin.“ Klasse Konstruktion, schon trieft es.

12.31 Uhr: Keinen Meter neben dem Bett, in dem Sopranistin Ermonela Jaho versucht, sich zu konzentrieren, quatschen die Bühnenarbeiter über die Möblierung. Sie warten auf ihren Einsatz unter Bühnenmeister Frank Henze, den sie Otto nennen. Wieso Otto? „Hier hat jeder seinen Namen.“ Man bespricht, wie ab- und umgebaut wird. 30 werden sie sein mit Aushilfen, um eins kommt die Mittagsschicht. Für einen Ballettabend sind auch Nachtdienste drin, es muss der Schwingboden rein. „Sonst hätten die Tänzer ja nach drei Jahren keene Jelenke mehr“,bemerkt Otto. Er öffnet die Tür zu einem riesigen Raum, hier lagern Kulissen. Er zeigt auf die roten: „Det is Macbeth.“ Blau ist Aida. 13.02 Uhr sagt der Inspizient durch, die Probe sei beendet. Das kann man auch in der Kantine hören.

Die Musiker der Staatskapelle gehen mit ihren Instrumenten ab, im Kellergeschoss sind Sammelgarderoben und Stimmzimmer. Jeder hat 40 Zentimeter Holzspind. Da hängen Fliege, Dienstfrack, Konzerthemd, Anzug. Dort stehen ein extra Notenständer, Lackschuhe, das Eau de Toilette. Auf dem Flur liegt das Buch, in das jeder einträgt, wenn er Noten mit nach Hause nimmt. So üben selbst Kollegen, die seit 40 Jahren dabei sind.

Oben, auf der Bühne, schieben fünf Männer riesige Holzwände beiseite. Fünf Beleuchtungsbrücken müssen bis 15 Uhr weg sein. Wieso ausgerechnet bis dahin? „Weil ick dann nach Hause kann“, sagt Otto. Susanne Leimstoll

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