Stadionausbau : Ohne Lohn für Union

Der Köpenicker Fußballclub braucht ein neues Stadion, das Land gibt kein Geld. Jetzt bauen die Mitglieder es eben selbst.

André Görke
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1. FC Union im Arbeitseinsatz: An den Stehtribünen arbeiten Vereinsmitglieder mit. -Foto: Mike Wolff

Am Morgen gibt es erst einmal Frühstück. Zum Käffchen reicht Christel, 72, frische Brötchen, dick mit Hackepeter beschmiert. „Das mögen die Jungs“, sagt die Rentnerin und verschwindet mit einem Geschirrtuch hinterm Tresen. Kollegin Rita, 71, türmt die Schrippen auf, „alle jut belegt“, mehr als 100 Stück. Zehn Cent kostet die halbe Schrippe – Frühstück hinter der Tribüne des großen Stadions. Willkommen beim 1. FC Union in Köpenick. Hinter dem Tresen, einem langen Tapeziertisch an der frischen Luft, befindet sich nicht die allergrößte Baustelle der Stadt, aber vielleicht die rührendste. Am Wald der Wuhlheide wird das Stadion an der Alten Frsterei saniert, besser: radikal umgebaut. Für 2,5 Millionen Euro werden 18 000 Plätze betoniert und überdacht, von den Fans, ohne Lohn, nur aus Liebe.

„Das gibt’s nur bei Union“, sagt Christel, die Rentnerin mit den Hackepeterbrötchen. „Wir sind hier ja wie eine Familie.“ Ihre Kolleginnen nicken. Das mit der Familie mag übertrieben klingen, aber es trifft zu. Deshalb stehen sie in ihrer Freizeit hier: Christel, Rita, Anna und auch Kerstin, die mit 42 Jahren die Jüngste ist. Die Erzieherin hat sich Urlaub genommen, den schenkt sie ihrem Verein.

Der 1. FC Union ist schon früher mit seinen Fans aufgefallen, weil die zu DDR-Zeiten nicht zu den Lieblingen der Staatsmacht gehörten. Genau das hat den Club so populär gemacht. Die „Eisernen“ nennen sie sich, die „Schlosserjungs“ aus dem Arbeiterbezirk, das Image wird in Köpenick gepflegt. Union ist klamm, war es schon immer, doch der Verein hat viele Fans, die ihm trotz des sportlichen Niedergangs die Treue halten. Vor ein paar Jahren wollte man in die Bundesliga und landete stattdessen in der Viertklassigkeit.

Mario, 41, ist einer von 60 Unionern, die um sieben vor dem Stadion stehen und bauen wollen. Warum? „Weil ich’s geil find’“, sagt er. „Brauchste noch mehr Gründe?“ Das Land gab kein Geld für den Bau, bot aber zwei Stadien als Alternative an, die modern genug sind für die Dritte Liga: das Olympiastadion und den Jahnsportpark. Schließlich kommen schon mal 15 000 Menschen zu Union-Spitzenspielen. Allerdings: Das erste ist zu groß und zu weit weg, im zweiten, in das Union bis zum Herbst ausweicht, spielte einst der Erzrivale BFC Dynamo. Da saß Stasi-Chef Mielke auf der Tribüne.

Also kämpften sie um ihre Alte Försterei, die benannt ist nach dem Forsthaus nebenan. Es ist ihre Heimat, seit der Kindheit schon, da stehen ihre Freunde jedes Wochenende und immer am selben Platz. Jahr für Jahr. Sowas gibt man nicht so leicht auf. Jetzt ist die Zwischenlösung gefunden: 800 000 Euro zahlen der Bezirk und der Senat für eine Rasenheizung, die Millionen für die Haupttribüne kratzen der Verein und Investoren zusammen.

Um die Überdachung und die drei Stehtribünen kümmern sich Fans wie Hans, 48, normalerweise Schuhmacher an der Komischen Oper. Seit ’77 geht er zu Union und hat wie so viele hier oft geholfen: hat Schnee geschippt im Winter, damit im Stadion gespielt werden kann, hat erst Blut gespendet und dem Verein dann den Lohn dafür. Ist bei einem Auswärtsspiel bis zur Halbzeit draußen geblieben, um das gesparte Eintrittsgeld dem Verein zu schenken. Jetzt malt Hans das Kassenhäuschen an. Rot-weiß, was sonst?

Seit zehn Wochen arbeiten sie schon in der brütenden Hitze. Wo früher die Fans im Staub standen, sind nun frisch vergossene Betonstufen zu sehen. Am Wall werden Kuhlen für die Dachpfeiler ausgegraben. Und über allem wacht Sylvia Weisheit, 45. Sie geht seit 1977 zu Union, sie ist Projektleiterin des Umbaus und sie ist eine von sieben, die auf der Baustelle bezahlt werden. „Wir haben die Verantwortung“, sagt sie. Und das beginnt im Kleinen: Trinkt Wasser, sagt sie den Männern. Cremt euch ein! Bierchen? Tabu!

Christian, 34, ist seit dem Morgen auf den Beinen, auch er hat sich extra Urlaub genommen. Normalerweise arbeitet er als Marketingkoordinator bei der UCI Kinowelt, einem Konzern mit 2000 Angestellten. Christian ist Union seit 1986 treu, er ist nebenher Stadionsprecher und hat ein Haus in Köpenick, da pflegt er den Garten. Ein Stadion hat er noch nicht gebaut. „Ich hab’ Muskelkater“, sagt er. Er scheint sich darüber zu freuen.

Es sind ganz unterschiedliche Typen, die hier arbeiten. Da ist der 74-jährige Rentner, der in der Nacht die Baustelle bewacht. Da ist der Ingenieur, der sich an den Wochenenden im Stadion mit dem rot-weißen Schal um den Hals heiser brüllt und jetzt mitackert. Da ist der arbeitslose Schlosser, der etwas für seinen Lebenslauf tun möchte. Da ist der Vater, dessen Beziehung kaputt ist, und der auf andere Gedanken kommen muss. 60 Leute, 60 Geschichten.

„Die Baustelle ist eine soziale Stätte und für manche eine Therapie“, sagt Projektleiterin Weisheit. Sie hat ein Gartenbaucenter mit 130 Angestellten geleitet, davor Wirtschaft und Pädagogik studiert. Sie sagt: „Es geht mir nahe, die Menschen zu sehen, wie sie stolz sind und glücklich.“ Geld bekommt ja keiner, nur Respekt. Oder eine Bratwurst, serviert vom Spieler. Die sind keine Stars, sondern Fußballer der Dritten Liga.

Anja und Nadine, beide 20, rennen in der Mittagshitze so fröhlich über den Rasen, als wäre das hier ein Sommerferiencamp. Aber die Knochen schmerzen. Die beiden schleppen, pinseln, bohren. „Echt cool, hier arbeiten zu dürfen.“ Nadine aus Hellersdorf wird erst mal kein Spiel hier sehen. „Ich gehe als Au-pair nach Kreta.“

Am 25. Oktober will Union sein erstes Spiel an der alten, der neuen Försterei austragen. Dann wollen die Fans unter dem Dach singen, dass es nur so scheppert. „Eisern Union, Eisern Union!“ Ob sie es bis dahin schaffen, weiß Projektleiterin Weisheit nicht. Bei den Arbeiten für die Stützpfeiler sind sie auf eine dicke Bitumenschicht gestoßen, es geht langsamer voran. Wenn die Arbeiter länger brauchen, wird kein Fan auf der Tribüne meckern. Es sind ihre Jungs, die da unten ackern.

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