Berlin : Stadt im Aufwind

Fatina Keilani

In Berlin wird mehr gelebt als gestorben. Auch sonst geht es hier bergauf - nachzulesen im Statistischen Jahrbuch 2001. "Ich habe Ihnen ziemlich viel Erfreuliches mitzuteilen", sagte der Direktor des Statistischen Landesamts, Eckart Elsner, bei der Vorstellung des quietschgelben 700-Seiten-Werkes gestern. In den Vorjahren sei die Bilanz nicht immer so gut ausgefallen.

Das Buch ist gut 70 Seiten dicker als sein Vorgänger, und es ist einzigartig: Zum letzten Mal enthält es Angaben über die bisherigen 23 Bezirke, zugleich erstmalig auch über die neuen 12 Bezirke, in die sich Berlin nach der Gebietsreform aufteilt.

Der Großstadtvergleich am Ende der Datensammlung zeigt zwar, dass die Hauptstadt immer noch ziemlich schlecht dasteht: Sie hat unter den Metropolen Hamburg, München, Köln und Frankfurt (Main) die höchste Arbeitslosenquote, die wenigsten Autos pro Einwohner, die niedrigsten Gemeindesteuereinnahmen je Einwohner und kaum offene Stellen. Die Wirtschaft ist nicht gerade dabei, Berlin zu stürmen - dafür aber die Touristen. Mit mehr als fünf Millionen Gästen und rund elf Millionen Übernachtungen wurde im Jahr 2001 der höchste Wert seit zehn Jahren gemessen. Obwohl die Zahl der Hotelbetten gestiegen ist, blieb die Auslastung mit 51,3 Prozent gleich. "Über die Folgen des 11. September können wir aber noch nichts sagen", sagte Elsner.

Auf dem Arbeitsmarkt macht sich ein Wandel bemerkbar. In der Industrie und im Baugewerbe sind weitere 14 400 Arbeitsplätze verloren gegangen. Waren vor Jahren noch 264 000 Menschen im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt, so sind es heute nur noch 111 000. Dafür hat die Beschäftigung im Dienstleistungssektor zugenommen. Per Saldo ist jetzt zum ersten Mal ein bescheidener Anstieg der Arbeitsplätze da. Gestiegen ist auch die Zahl der Ausbildungsplätze. Auch hier dominieren Dienstleistungen: Mehr als die Hälfte der 62 700 Azubis wurden auf eine Arbeit in diesem Sektor vorbereitet. Immer mehr Frauen und immer weniger Ausländer machen eine Lehre.

Durch die Bezirksreform haben die Bezirke sich in ihrer Einwohnerzahl einigermaßen angeglichen. Tempelhof-Schöneberg ist mit 338 000 Einwohnern der größte Bezirk, hier leben zehn Prozent der Berliner. Kleinster Bezirk ist Spandau mit 223 800 Einwohnern. Am dichtesten hocken die Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg aufeinander: Einen Quadratkilometer teilen sich 12 400 Leute. In Treptow-Köpenick sind es 1372.

Als Bilanz lässt sich festhalten: Es geht voran. Die Magnetwirkung Berlins auf das junge, kreative und zahlungskräftige Publikum aus ganz Deutschland und dem Ausland verteuert allerdings auch das Leben hier. Die Preise haben kräftig angezogen.

Kommen und Gehen

Wir wachsen. Jahrelang verlor Berlin Einwohner an den Speckgürtel in Brandenburg und an andere, wirtschaftlich erfolgreichere Städte. Dieser Trend hat sich jetzt umgekehrt. Ende 2000 lebten 3,382 Millionen Menschen in Berlin, nur 4500 weniger als Ende 1999. Bis Ende 2001 soll die Zahl sogar wachsen. In den Vorjahren war der Negativ-Saldo immer zweistellig gewesen: 33 000 (1997), 27 000 (1998) und 12 000 (1999) Menschen schwanden. In Berlin leben 435 000 Menschen aus 185 Staaten (die UNO hat 189 Mitglieder). Die Zahl der Zuzüge steigt. Die Berliner ziehen unverändert gern um: 409 665 Mal im vergangenen Jahr. Über die Hälfte blieben im selben Bezirk.

Leben, Liebe, Leid und Tod

Wir leben. Die Zahl der Sterbefälle ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Es gibt zwar immer noch einen "Sterbeüberschuss" von 3640 Personen, also mehr Gestorbene als Neugeborene. Aber 1991 lag diese Zahl noch bei 13 092. Es haben weniger Menschen geheiratet als im Vorjahr, nämlich 14 119 gegenüber 14 635. Dafür haben sich auch weniger scheiden lassen: 9624 Mal erging ein Scheidungsurteil, 377 Mal weniger als vorher. Die meisten Ehen scheitern nach fünf bis zehn Jahren. 5081 Kinder waren von Scheidungen ihrer Eltern betroffen. Es gibt unverändert 670 000 Ehepaare in Berlin, die Zahl der "wilden Ehen" stieg um 5000 auf 128 000.

Lachen und Vergessen

Wir amüsieren uns. Die Zahl der Kinos steigt seit Jahren. Nach 208 Filmtheatern im Jahr 1997 sind es jetzt 283. Die Zahl der Kinosessel in der Stadt ist in der gleichen Zeit von 44 525 auf 61 069 gestiegen. Sogar die Sesselzahl pro 1000 Einwohner haben die Statistiker errechnet: Hatten 1997 tausend Leute 13,1 Sitze zur Verfügung, waren es im vergangenen Jahr schon 18,3 Sitze. Die Leute gehen auch häufiger ins Kino: Statt drei Mal pro Jahr jetzt dreieinhalb Mal. Die Bühnen der Stadt, private und staatliche, verzeichneten in ihren 8762 Vorstellungen 2,86 Millionen Besuche. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr ein leichtes Minus. Dafür stieg die Zahl der Museen um vier auf 149.

Verschwinden unter Linden

Wir sehen grün. An Berlins Straßen stehen 410 697 Bäume - 820 weniger als im Vorjahr. Das entspricht 77 Bäumen pro Kilometer, denn die Straßen sind 5377 Kilometer lang. Am häufigsten grünt die Linde in Berlin - nicht nur Unter den Linden. Dort allein würden die 149 827 Stück wohl kaum alle hinpassen. Ahornbäume gibt es etwa halb so viele, nämlich 74 388. Außerdem 35 960 Eichen, 21 780 Kastanien, 24 793 Platanen und 14 329 Robinien. Und immer mehr Hunde, die ihre "Tretminen" am Fuße dieser Bäume abladen: 6309 kamen dazu, jetzt leben 108 864 Hunde in Berlin. Sie könnten auch in den Wald gehen, der 18 Prozent der Berliner Fläche ausmacht.

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